Das eigentliche Dilemma in der Finanzkrise: Denken inside-the-box

Schon fast wieder aus der Mode gekommen, aber … hier noch mal ein interessanter Artikel über die Finanzkrise vom letzten Wochenende: Die nächste Stufe der Finanzkrise

Die Autoren stellen die These auf, dass es vier quasi-kanonische Auswege aus der Finanzkrise gäbe. Und sie legen danach recht überzeugend dar, warum alle vier Wege entweder mit teils dramatischen Risiken versehen sind oder mit Widerständen zu rechnen haben, die sie als kaum gangbar erscheinen lassen.

  1. Durch Verringerung der Staatsausgaben und Wirtschaftswachstum wird der Schuldenstand verringert und damit das Vertrauen der Anleger in die Bonität der staatlichen Schuldner langfristig wiederhergestellt. 
  2. Durch Steuererhöhungen wird die Einnahmesituation der Staatshaushalte verbessert und werden die Schulden reduziert. 
  3. Die staatlichen Schuldner stellen den Schuldendienst ein und verhandeln mit den Gläubigern über einen Zahlungserlass. 
  4. Die Staaten geben das Ziel der Geldwertstabilität auf und betreiben eine Inflationspolitik, durch die ihre Schulden entwertet werden

Obwohl die Autoren Soziologen sind (!) scheint mir diese Analyse nicht unzutreffend. Auch Wirtschaftswissenschaftler haben sich zudem ja in den letzten Jahren mit Analysen und Lösungskonzepten nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. Der große Denkfehler scheint mir aber zu sein, dass es nur diese vier Auswege gäbe – die tatsächlich auch die einzigen sind, die seriöse Wissenschaftler, Banker und Politiker zu diskutieren gewillt sind.

Was diesen Artikel so schön macht, ist, wie er auch die aktuellen Krisenbewältigungsstrategien der politischen Klasse illustriert: es herrscht absolutes Inside-the-box Denken. Alle Maßnahmen sind darauf ausgerichtet, das bestehende System irgendwie, egal wie zu erhalten und zu den Goldenen Jahren zurück zu kehren.

Niemand hat den Mut oder die Kraft, etwas gänzlich Neues zu wagen.

Mich erinnert das an den fast schon klassischen Konkursprozess vieler Unternehmen: das Management startet immer neue Programme zum Turnaround, windige Bilanztricks werden aus der Schublade geholt, Banken und Partner belogen, weil … man muss ja nur eben durch diese Krise und wird danach alles wieder gut machen, wenn das Geschäft wieder brummt. Und am Ende klappt doch alles zusammen und die Geschäftsführung steht wegen Konkursverschleppung (oder Schlimmerem) vor Gericht.

Dass das mit Politikern und Bankern selten passiert, ist vielleicht mit einer der Gründe, warum diese den Kopf so lange in der komfortablen Kiste lassen,

Photoillustration: purplemattfish

 

 

Apple nach Steve Jobs – Die Welt wird langweiliger werden

Steve Jobs, Gründer und Ex-CEO von Apple

Steve Jobs ist heute Nacht als CEO von Apple abgetreten und der Medienwald erbebt. Viele Artikel lesen sich wie Nachrufe – obwohl er in den Aufsichtsrat wechselt – und das ist kein Wunder: der Mann ist schwer krank und niemand glaubt, dass Jobs seine Position aufgegeben hätte, wenn es ihm nicht sehr, sehr schlecht ginge.

So etwas mitzuerleben ist traurig, egal wie fern einem selbst dieser Mensch ist. Das ist die empathische Seite. Diese Nachricht macht mich aber auch aus einem anderen Grund traurig: Eine Epoche geht zu Ende. Und die neue wird – zumindest in der (IT-)Welt – langweiliger werden. Man kann über Steve Jobs, seine Entscheidungen, seinen Management-Stil denken, wie man will: kaum jemand wird bestreiten, dass hier ein ganz Großer abtritt, ein Mann, der mit Brillanz, Weitblick und Charisma Erfolge erzielt hat, die kein noch so phantastischer Manager geschafft hätte.

 

Was wird nun aus Apple?

Was wird nun aus Apple? Kann das Unternehmen ohne den charismatischen Messias weiterhin Erfolge feiern wie in der Vergangenheit, besonders in den letzten 10 Jahren? Die Meinungen dazu gehen auseinander. Viele Autoren vertreten die Ansicht „alles wird gut!“ Apple sei gerüstet, Jobs’ Nachfolger Cook ein großartiger Mann, der in mehreren krankheitsbedingten Pausen Phantastisches geleistet hat. Das stimmt. Tim Cook ist der Mann, der die Gelddruckmaschine Apple in den letzten Jahren finegetuned hat. Ich habe trotzdem starke Zweifel – nicht für dieses oder das nächste Jahr, aber die Zeit danach.

Prototypisch für die Optimisten scheint mir ein Artikel, den Amir Kassaei, Chef-Kreativer bei DDB, bekennender und schamloser Apple-Fanboy, schon vor einem halben Jahr zur selben Frage verfasst hat. Amir ist, verkürzt formuliert, der Ansicht, dass der prägende Eindruck von Steve Jobs auf die Apple-Kultur so stark war, dass das Unternehmen seinen Abgang ohne allzu große Schwierigkeiten verschmerzen wird. Er formuliert sehr eloquent plausible Gründe. Dennoch …

In Deutschland gibt es ein hässliches Sprichwort. Das heißt “Der Fisch stinkt vom Kopf her”

Dieses Sprichwort ist normalerweise negativ gemeint. Es gilt aber auch im positiven Sinne. Steve Jobs war ohne Frage ein Kopf, der seine Firma im positiven wie im negativen Sinne geprägt hat. Er hat das nun über eine so lange Zeit hinweg getan, dass seine Meme sich im Unternehmen ausgebreitet und tief verankert haben. Das äußert sich zum Einen im Personal, zum Anderen in der Produktpalette, der Art, wie Produkte entwickelt werden, Marktkommunikation stattfindet etc. Sein Abgang wird das nicht von einem zum anderen Tag ändern.

Es gibt sehr gute Leute in der zweiten Reihe und ich bin sicher, dass eine Menge Entwicklungen in der Pipeline sind, die in den nächsten zwei Jahren noch auf den Markt kommen werden. Das werden nicht nur Verbesserungen an den bestehenden Produktlinien sein – obwohl auch da Luft nach oben ist. Ich bin sehr gespannt, wie Apple den Weg in die Cloud gehen wird und ob es gelingt, aus Apple TV in einem dritten Anlauf einen Blockbuster zu machen. Dann sind da noch die Gerüchte um den Einstieg ins Geschäft mit Zahlungsabwicklungen. Wenn das klappt, ist Apple die Position als wertvollstes Unternehmen der Welt endgültig sicher.

 

Die Hoffnung „Alles wird gut“ ist blauäugig

Ich halte es aber für blauäugig, davon auszugehen, dass der Impuls, den Jobs der Marke und dem Unternehmen gegeben hat, für immer anhält. Steve Jobs ist eine Ausnahmeerscheinung. Im Senior-Management von Apple sitzen noch mehr tolle Leute – aber das sind Apostel, keine genialen Charismatiker. Zudem hat Jobs’ Erfolg für eine ganze Menge von Freiheiten gesorgt, die wiederum neue Erfolge erst möglich machten. Die Produktentwicklungen bei Apple waren unter Jobs oft sehr radikal und – zumindest auf den ersten, konventionellen Blick – riskant. Disruptive Entwicklungen sind das ja immer. Niemand weiß vorher, ob die Disruption den großen Erfolg bringt oder die Firma in die Pleite reist. Solche Risiken einzugehen, ist nicht jedermanns Sache. Apple war der einzige Großkonzern, der solche disruptiven Innovationen in den letzten 10 Jahren gestemmt hat – dank Steve Jobs. Und auch der brauchte einen langen Atem. Siehe den Kursverlauf der Aktie in den letzten 11 Jahren:

Kursverlauf der Apple-Aktie

Ich denke, dass es in anderen Konzernen durchaus vergleichbar radikale Ideen gab. Aber sie wurden verwässert, zerredet und eventuell in den konzerntypischen Prozessen ausgebremst. Das geschah in gutem Willen … um den Erfolg sicher zu stellen. Tatsächlich hat es mit den Risiken auch die Schärfe und die Radikalität aus diesen Innovationen genommen, die für eine echte disruptive Innovation nötig sind. Kaum ein anderes Unternehmen war bereit, die dazu gehörenden Risiken einzugehen. Kein anderer CEO hatte über die Jahre hinweg die entsprechenden Freiheiten. Das ist in den Strukturen von Großkonzernen systembedingt. (Siehe dazu auch Warum schaffen Großunternehmen keine bahnbrechenden Innovationen?)

Die Frage ist, wenn Jobs nicht mehr am Steuer ist, eventuell dauerhaft, ob das Apple Board seinen Nachfolgern die nötigen Freiheiten erlauben wird. Wenn es zu einem Flop kommt, wird man dem neuen CEO ein weiteres, riskantes Projekt erlauben? Ich befürchte, nein.

Auch bei Apple wird irgendwann die Quartals-Denke einsetzen und dann die Stagnation, wenn auch vermutlich eine Stagnation auf hohem Niveau. Was leider für diese Annahme spricht, ist die Geschichte. Auf Anhieb fällt mir – außer dem Islam und der christlichen Kirche – keine Organisationen ein, die nach dem Abgang der prägenden Persönlichkeit noch lange Zeit den Drive hatte, dauerhaft zu wachsen und der Welt einen Stempel aufzudrücken. In einzelnen Unternehmen hat es nach der ursprünglichen, disruptiven Phase und langer Stagnation zwar gelegentlich auch eine Art Renaissance gegeben. Auch die ging aber immer einher mit einer charismatischen Persönlichkeit, die dem Unternehmen dann ihren eigenen Stempel aufdrückte (siehe z.B. Jack Welch bei GE).

 

Neue Ideen sind entscheidend – Personen setzen sie durch

Ist das verwerflicher Personenkult? Ich hoffe, nein. Aber, wer sich die Geschichte der Menschheit anschaut, wird feststellen müssen, dass es nicht die großen Ideen waren, die den gesellschaftlichen Wandel (und gelegentlich den Fortschritt) brachten. Selbstverständlich waren diese Ideen wichtig. Aber ihre Durchsetzung hat immer starke, charismatische Persönlichkeiten gebraucht. Menschen laufen keinen Ideen hinterher. So funktioniert unser stammesgeschichtlich geprägtes Hirn nicht. Wir folgen Personen.

Apple wird noch eine Menge gute Quartale erleben. Da habe ich keine Zweifel. Und als Apple-Aktionär freue ich mich darüber. Auf Dauer – über einen Zeitraum von mehr als ca. 2 Jahren hinweg – habe ich Zweifel, ob es ohne Stevie – oder einen echten, charismatischen Nachfolger – in ähnlicher Weise weitergehen wird. Ich denke, dass, wenn dieser nicht gefunden wird oder aus der zweiten Reihe heranwächst, Apple für viele Jahre immer noch eine tolle Firma sein wird. … aber eben irgendwann eine normale Firma und nicht mehr insanely great. Und die (IT-)Welt wird eine langweiligere sein.

We’ll miss you, Steve …

Worum es Google mit dem Pseudonymverbot wirklich geht

Vorab: die überwiegende Mehrzahl der Anwender findet das Pseudonym-Verbot bei Google+ (und bei vielen Anwendern für faktisch fast alle Google-Dienste) völlig OK oder sogar einen willkommenen Schritt. “Mit offenem Visier kämpfen”, “schlechtes Benehmen bekämpfen” und so. Für die Mehrheit der Menschen sind Masken (wie Pseudonyme vorwiegend empfunden werden) etwas für den Karneval, für Kriminelle und Perverse. Trotzdem gab es einen ziemlichen Shit-Storm bei vielen kritischen Menschen, die das Netz als Teil ihres Lebensraums ansehen. Darum geht es mir hier aber nicht. Es ist an anderen Stellen erschöpfend diskutiert worden.

Mir geht es hier um Fragen: “Warum macht Google das? Warum macht Google das auch gegen den Widerstand vieler kluger Leute, die Google ansonsten niemals Böses wollen? Warum widerspricht Google der eigenen erst im Frühjahr formulierten Policy zu diesen Fragen? Warum weicht Google hier keinen Millimeter zurück?”

Ich denke, es geht um Geld – um sehr viel Geld. Google+ ist ein weiterer Baustein in einer Strategie, die darauf abzielt, Menschen mit noch gezielterer Werbung zu versorgen. Google macht das jetzt schon sehr gut. Allerdings nahezu ausschließlich im Web. Und nun ist – wer auch immer – auf eine ziemlich gute Idee gekommen, wie man nicht nur noch mehr, noch zuverlässige Verhaltensdaten, Interessen und Absichten ermitteln kann sondern auch Online-Werbung und Offline-Werbung miteinander vernetzen kann.

 

Das Fernziel

Nur mal angenommen, ich wollte eine Datenbank aufbauen, die Email-Adressen mit physischen Identitäten verknüpft (Perso-Name, Adresse etc.) und die entsprechenden Personen idealerweise (über so genannte Cookies) im Netz jederzeit identifizierbar macht. Ich hielte so etwas für eine gute Idee. Damit kann man sicherlich im Jahr einige Milliarden erwirtschaften, wenn man es weltweit betreibt.

Die Herausforderung: wie bringe ich die Leute dazu, mir diese Daten zu geben und mir die Verwendung zu erlauben? Insbesondere in einer Situation, da sie selbst ja keine erkennbaren Vorteile davon haben?

 

Erster Schritt: Begehren schaffen

Hierzu gibt es ein paar altbewährte Tricks im Marketing. Der wichtigste Mechanismus dabei ist, aus einem Geschäftsvorteil für das Unternehmen etwas scheinbar Begehrenswertes für den Konsumenten zu machen. Oft geht es um Status. Ein Auto von einer Marke mit einem hohen Statuswert bringt mich beispielsweise nicht wirklich besser von A nach B (ja, ich weiß, das sehen einige meiner Leser anders). Aber ich habe das Gefühl, dass es mir Prestige bei Leuten verschafft, bei denen mir das wichtig ist. Eine weitere Taktik ist es, etwas knapp zu machen. Was knapp ist, ist wertvoll und begehrenswert.

Letzte Woche hat Google damit begonnen, “berühmte Menschen” auf Google+ mit einem Häkchen zu verzieren, dass ihr Account verifiziert ist. “Verifiziert” wie in echt, real, vertrauenswürdig.

Tatsächlich findet zwar (noch) keinerlei echte Verifikation statt. Bis auf wenige Ausnehmen redet das Google-Team nicht mal mit den Verifizierten, sondern beschliesst einfach, dass ein Account real / verifiziert ist, wenn jemand im Team den Namen kennt oder der/die Betreffende mehr als ein paar Tausend Follower hat. Und Accounts, bei denen die Identität wirklich feststeht (weil sie beispielsweise mit einem Google-Checkout-Kontoverbunden sind) erhalten keinen Verified-Haken. Das ist aber irrelevant, solange Promis den Haken bekommen und die große Masse nicht. Was manche haben und ich nicht, weckt Begehren.

Wer nicht glauben möchte, dass so etwas klappt, schaue sich die Beiträge in einigen Diskussionen zu diesem Thema an. Die Kommentare der Nobodies, die “Hier! Hier! Unfäääääähr! Ich auch!” schreien, sind witzig – bevor man bemerkt, wie peinlich das ist.

 

Zweiter Schritt: Begehren ausnutzen

Aber das war erst der erste Schritt. Auf diese Weise hat man ja noch nicht die Daten der großen – kaufmännisch interessanten – Masse der Anwender.

Als nächstes “öffnen” wir dann das Programm großzügig für die Massen. Anders als bei den Celebrities verlangen wir von denen aber “Beweise” dafür, wer sie wirklich sind. Warum sollten wir denen das denn sonst glauben?? Es gibt viele Möglichkeiten, solche “Beweise” einzureichen. Kopien von Ausweispapieren, Kontoinformationen (wie es beispielsweise PayPal macht) etc. Es ist egal, welche Google anwendet. Es ist auch egal, wenn ein paar dabei geschickt schummeln. Viele Anwender werden Google bereitwillig diese Informationen geben. Aber vermutlich noch nicht genug.

 

Dritter Schritt: Unerwünschtes Verhalten bestrafen

Um diejenigen zu bekommen, die nicht eitel oder neidisch genug sind “auch das Häkchen zu wollen”, wird Google in einem nächsten Schritt Premium-Services einführen, für die ein verifizierter Account “nötig ist”. Da sehe ich viele Ansätze, die man auch gut begründen an (anders als “Wir hätten gerne Deine Daten”). Diese Stufe 3 wird langsam ablaufen und mehrere Phasen haben, wenn solche Services Schritt für Schritt eingeführt werden.

Andere bestehende Services wird man – leider, leider – nur noch für verifizierte Accounts weiterführen können. Manche dieser Services werden auch mit Zahlungsvorgängen zu tun haben. Da sehen die Leute schnell ein, dass sie Adresse und Bankverbindung rausrücken müssen.

 

Das Ergebnis

Ich gehe davon aus, dass es Google mit dieser Strategie gelingen wird, in den nächsten zwei, drei Jahren weltweit ein paar hundert Millionen, vielleicht auch eine Milliarde Accounts mit Email, Adresse, Geschlecht, Geburtsdatum, Cookies für die Online-Erkennung etc. einzusammeln.

Diese werden nicht nur auf die oben beschriebenen, vom Nutzer bereitgestellten Daten beschränkt sein. Durch die eindeutige Identifizierung der Personen werden diese Datensätze zudem sehr valide Informationen über Verhalten, Interessen und Intentionen (direkt oder prediktiv) enthalten.

Gute Idee? :)

 

Alles nur eine Theorie!

Nein, nichts davon ist sicher. Das sind alles nur blöde Ideen, die mir aus Langeweile durch den Kopf gegangen sind, während ich meinen Blick über das wunderschöne Meer, die schönen Boote und den blauen Himmel schweifen ließ. Ich will dieses Verhalten hier auch nicht bewerten oder verurteilen. Es könnte lediglich eine sehr gute Erklärung dafür sein, was genau hinter der aktuell unglaublich sturen und verschlossenen Haltung bei Google+ steckt.

Und … was die Idee so charmant macht, ist, dass alles, was Google gerade mit Google+ macht, in diese hypothetische Strategie wunderbar hineinpassen würde. Und zugleich würde man sich bei den Regierungen beliebt machen, denen Anonymität ein Dorn im Auge ist, wie Ex-CEO Eric Schmidt schon vor einem Jahr öffentlich angekündigt hat.

Das werden die Wettbewerber natürlich nicht tatenlose geschehen lassen. Ich nehme Wetten an, wann Facebook einen “freiwilligen Verificationsservice anbieten” wird.

NACHTRAG: Es gab den Einen oder Anderen, der meine Überlegungen zum eigentlichen Sinn und Zweck von Google+ für eine kindische, paranoide Verschwörungstheorie hielten. 

Google-Chairman Eric Schmidt sieht das anders. Hierzu ein Auszug aus einem sehr aktuellen Interview:

He [Schmidt] replied by saying that G+ was build primarily as an identity service, so fundamentally, it depends on people using their real names if they’re going to build future products that leverage that information

Was mich immer wieder wundert, ist, wie schmallippig Googles offizielle PR zu dem Thema ist und wie freimütig Schmidt darüber spricht.

 

Bildquelle: Thaddäus Zoltkowski

Das Internet und die Starenkästen – Freie Fahrt für freie Bürger

Gestern hat der Johnny Haeusler auf Spreeblick einen sehr schönen Post abgesetzt, in dem er die irrwitzige Sehnsucht der Internet-Fans nach Anarchie und die unreflektierte Ablehnung jeder Art der Regulierung anprangert. Sehr schön “gegen den Strich gebürstet”.

Johnny hat, um den Verfechtern der absoluten Internet-Freiheit ihre Spießigkeit vor Augen zu halten, den Vergleich mit Verkehrsregeln und der unsäglichen Kampagne Freie Fahrt für freie Bürger gebracht.

Und er hat zu recht den hysterischen, dogmatischen Ansatz der Regulationsfeinde kritisiert (klassische Parteienbildung eben):

Das, was man aus dem Meer der Netzstimmen manchmal zu lesen bekommt, unterscheidet sich dann an Eindimensionalität nicht mehr von dem, was man kritisiert

Das ist ein guter Post (selbst wenn ich die Metapher verunglückt finde). Er hat auch mich zum Nachdenken gebracht. Tatsächlich ist diese Ablehnung oft emotional und unreflektiert, eine Sehnsucht nach dem Wilden Westen und den Freiheiten, die es da gab – aber auch der ist ja irgendwann untergegangen. Und das musste auch so passieren. Die Kombination aus Anarchie und einer hochentwickelten Zivilisation hat bislang noch nie funktioniert. Das hat Gründe. Regeln müssen sein, wenn viele Menschen zusammenleben.

Johnny hat mich in diesem Fall trotzdem nicht überzeugt. Ich habe darüber unter anderem mit Ennomane auf Google+ diskutiert. Meine Sorgen hatte ich kurz zusammengefasst (nicht besonders originell)

  1. Das Internet ist weitgehend global, fast jede Regulierung lokal – was auch mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Gesetzesnormen zu tun hat, die kaum normiert werden kann.
  2. Damit ein Staat seine individuellen Vorstellungen darüber, was im Bereich der Internetkommunikation legal (oder wünschenswert) ist, durchsetzen kann, muss er nahezu zwangsläufig alle Datenpakete überwachen und analysieren, zumindest beim Übergang von “Der Welt” in ein dann national reguliertes Internet. Vielleicht sogar bei jeder Kommunikation, an der ein Bürger dieses Staates irgendwo auf der Welt beteiligt ist (viele Staaten haben interessante Ansichten über die Reichweite ihrer Jurisdiktion).
  3. Das wäre … nicht schön

Ennomane hat mich daraufhin noch einmal darauf aufmerksam gemacht – richtigerweise – dass Regulierung nicht “Überwachungsstaat” heißt

Wer sagt, dass Regulierung zwingend bedeutet, dass Inhalte gesperrt werden?

Und ich denke, dass Johnny das ähnlich sieht. Beide haben recht. Ein gutes Gegenspiel ist ja die Netzneutralität, eine Art Regulierung, die viele Netizens gut finden/fänden.

Andererseits: Ich denke, dass “Kontrolle/Überwachung der Inhalte” der Tenor in der überwiegenden Anzahl der Forderungen nach “mehr Regulierung” war, die ich in den letzten ca. 2 Jahren öffentlich wahrgenommen habe. Es gabe sicherlich auch andere, die ich wahrgenommen habe (wenn mir auch hier wieder nur ”Netzneutralität” einfällt), aber die Anzahl und öffentliche Sichtbarkeit war ca. eine Größenordnung geringer; für nicht netz-affine Menschen vermutlich noch kleiner.

Aber auch Regeln müsse ja nicht das Ende der Freiheit bedeuten. Die Argumentationslinie bei Johnny war dazu u.a.:

Ich bin davon überzeugt, dass es im Netz neben den glitzernden Hauptstraßen auch immer die dunkleren Seitengassen, die nur halb legalen Rotlicht-Viertel, die Indie-Läden und die Drogendealer geben wird – wie in jeder Stadt auch. Man wird immer finden, was man will, wenn man weiß, wo man suchen muss. Ich mache mir keinerlei Sorgen darum, dass das Netz zu einem klinisch sauberen Ort werden könnte, der keinen Platz mehr für Spinner und Absurditäten lässt, für Abgedrehtes und Absonderliches und für das, was nun wirklich nur drei echt ziemlich schräge Leute interessiert. Das Netz besteht schließlich aus Menschen. Die machen das schon.

Ennomane formulierte das so:

Hier und da stehen Starenkästen, an den meisten Stellen nicht. So ähnlich ist gerade mit File-Sharing: Pech wenn du dabei erwischt wirst.

Ich habe in diesem Zusammenhang allerdings ein paar Sorgen:

  1. Es gibt eine Vielzahl von Menschen, die nicht verstehen, dass Gesetze Spiel (im Sinne von engl. slack) brauchen, und die es im Gegenteil für richtig und wichtig halten, dass Gesetze möglichst universell durchgesetzt werden. Diese Wahrnehmung ist typischerweise selektiv. Es gibt beispielsweise Eltern kleiner Kinder, die es gut fänden, wenn jeder Raser vor dem Kindergarten erwischt und bestraft würde, die aber ein bisschen Steuerhinterziehung oder Versicherungsbetrug als eine Art ausgleichende Gerichtigkeit ansehen. Das alles ist – zugegebenermaßen – sehr subjektiv.
  2. Würde man diesen Menschen die Mittel an die Hand geben, jeden Gesetzesverstoss – bei den Gesetzen, die ihnen persönlich wichtig sind – zu entdecken und zu bestrafen, würden sie das vermutlich tun. Um den Vergleich zum Autoverkehr anzuwenden: Wäre es kostengünstig machbar, jeden Regelverstoß im Straßenverkehr zu ahnden, gäbe es vermutlich eine große Menge von Politikern und Bürgern, die fordern würden, das auch zu tun.
  3. Ich würde es – scheinbar im Gegensatz Johnny - für durchaus nicht unmöglich halten, den Durchsetzungsgrad der Regeln im Internet durch technische Maßnahmen deutlich zu steigern – und das zu recht überschaubaren Kosten. Man kann mir hier den Vorwurf machen, technischer Utopist zu sein. Aber, wenn ich mir die Arbeit der Netzausrüster in Kooperation mit den Sicherheits-Verantwortlichen großer Unternehmen sowie totalitärer (und demokratischer) Staaten in den letzten Jahren ansehe, bin ich da recht pessimistisch. Digital-technische Maßnahmen werden rasend schnell billiger (deutlich schneller als Starenkästen).

Zum Abschluß: vielleicht höre ich – und andere – tatsächlich viel zu schnell “Überwachung”, wenn mit Bezug auf’s Internet-”Regulierung” gesagt wird. Das ist eigentlich absurd. Ich bin ein schrecklicher Spießer: heterosexuell, seit Millionen Jahren verheiratet, ein Kind, zahle aus Überzeugung Steuern, fahre nicht im besoffenen Zustand, fahre auf Autobahnen 130 und in Tempo-30-Zonen höchstens mal aus Gedankenlosigkeit schneller (und habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich’s merke). Ich kaufe meine Musik und die Filme, die ich konsumiere und bemühe mich, dass das auch die anderen Mitglieder meiner Kleinfamilie tun. Auch ansonsten tue ich weder online noch offline etwas, was mich (derzeit) in den Knast bringen oder womit man mich erpressen könnte. Und trotzdem glaube ich, dass es für eine Gesellschaft unglaublich wichtig ist (sogar für ihr Fortbestehen), dass es slack gibt, dass die Menschen Dinge tun können, die verboten sind. Das ist völlig unabhängig davon, ob ich diese Dinge selbst tue oder gerne tun würde. Einige verabscheue ich sogar.

Gesellschaften, die ihre Regeln und Wertvorstellungen rigoros durchsetzen – selbst, wenn die Mehrheit das so will – sind weder lebenswert noch dauerhaft überlebensfähig.

Das sehen viele meiner Mitmenschen anders. Darum sorge ich mich.

Alle Jahre wieder – Gartner’s Hype Cycle

Es gibt wenige Marketing-Konstrukte, die mich jemals so geprägt haben, wie der so genannte Hype Cycle der Unternehmensberatung Gartner. Ich habe da 2004 das erste Mal drüber gebloggt. Da war die Idee aber schon fast 10 Jahre alt. Um es mit der Wikipedia zu sagen:

Der Hype-Zyklus stellt dar, welche Phasen der öffentlichen Aufmerksamkeit eine neue Technologie bei deren Einführung durchläuft.

Wichtig dabei: es geht um öffentliche Aufmerksamkeit, nicht um tatsächliche Umsätze, Gewinne etc. Hier ist eine schöne Illustration, die das mit ein Anmerkungen deutlich macht (ansonsten ist selbstverständlich der oben verlinkte Wikipedia-Artikel hilfreich):

Gartner listet das jedes Jahr für eine Vielzahl von Themen auf. Ich finde den Hype-Cycle zu Emerging Technologies immer am spannendsten. Hier spielt die Musik (die ich gerne höre). Für mich ist ja “Ist doch alles nur ein Hype” keine Beschimpfung sondern eher eine Art Ritterschlag für ein Thema :)

Der Emerging-Tech Hype-Cycle sieht laut Gartner dieses Jahr aus wie folgt:

Highlights aus dem 2011er Hype-Cycle Emerging Tech

Da finde ich vieles spannend dran.

  • Gamification taucht zum ersten Mal (!) auf und gleich in der Nähe des Peaks. Das ist vermutlich kein gutes Zeichen. Der Backlash wird spätestens nächstes Jahr beginnen – was nichts daran ändert, dass ich diesen Ansatz mit dem leicht irreführenden Namen für faszinierend halte. Ich bin mir sicher, dass er dauerhaft praktiziert werden wird – unabhängig wie man das Kind nennt.
  • Augmented Reality hat den Peak bereits überschritten. Das liegt m.E. daran, dass die Grenzen dessen, was man ohne bessere Hardware erreichen kann, erreicht wurden. Das ist oft faszinierend. Aber für den nächsten Schritt und Akzeptanz in der Masse genügen nicht allein neue, kreative Konzepte.
  • Big Data taucht erstmalig auf. Hier war Gartner ein bisschen langsam, finde ich. Big Data ist ein Riesentrend, zu dem es – wie bei Gamification – schon die ersten Konferenzen gab. Gartner selbst meint, dass es in 2 – 5 Jahren Standard wird. Wie man Big Data wirklich monetarisieren kann, ist noch nicht abschließend geklärt. Trotzdem denke ich, dass Gartner hier etwas verpennt hat.
  • The Internet of Things bleibt im kommen. Auch hier, denke ich, braucht es wie bei Augmented Reality ein bis drei Durchbrüche im Hardware-Bereich. Die Komponenten sind noch zu teuer für massenhafte Ausbreitung und RFID allein reicht da nicht.
  • NFC Payment auf dem Peak? Das zu glauben fällt mir schwer. Dann müsste der Backlash schon in den nächsten Monaten kommen. Das sehe ich nicht.
  • Virtual Worlds sind im tiefen Tal mit rund 5 – 10 Jahren bis zu breiter Akzeptanz. Das sehe ich – leider – auch so. Im Gegensatz zu auch meinen optimistischen Bewertungen wird die Technologie erst dieses bzw. nächstes Jahr so langsam “reif” und wird rund 5 Jahre brauchen, um sich erneut Anwendungsfelder außerhalb der Nische zu erarbeiten.
  • Location-aware Applications (LBS, locations based services) sind kalter Kaffee bzw.: alle sind sich sicher, dass man damit jetzt Geld verdienen kann.
  • Group Buying ist vor dem Peak und innerhalb von 2 – 5 Jahren Standard? Haken dran!

Mehr Kommentare verkneife ich mir, obwohl es mich bei fast jedem Punkt dazu jucken würde. Der EmergingTech Hype-cycle ist jedes Jahr wieder ein Riesenspaß.

Ein Ansatz für Bürgerbeteiligung online – Americans elect

Letzte Woche ist mir ein ziemlich spannend aussehendes Experiment untergekommen: Americans elect, eine Online-Plattform, die amerikanische Wähler für die Mitwirkung bei den nächsten Präsidentschaftswahlen – abseits der bestehenden Parteistrukturen – motivieren möchte.

Das Parteiensystem in den USA ist in mancher Hinsicht faszinierend: einerseits ist ein striktes Zwei-Parteien-System, das teilweise sogar gesetzlich verankert ist. Andererseits sind die den Parteien zugeordneten Repräsentanten oft erstaunlich unabhängig – und mehr an den Belangen ihres Wahlkreises als grundlegenden ideologischen Fragen interessiert. Ein schöner Artikel dazu ist ganz frisch hier zu lesen. Das finden die Amerikaner auch OK so. Den Vorwurf der Parteilichkeit (partisanship) machen sie – und die Parteienvertreter (sic) sich gegenseitig – allerdings oft und gerne. Und die Kritik am Zweiparteiensystem ist unter Intellektuellen weit verbreitet.

One of the best-kept secrets in American politics is that the two-party system has long been brain dead — kept alive by support systems like state electoral laws that protect the established parties from rivals and by Federal subsidies and so-called campaign reform. The two-party system would collapse in an instant if the tubes were pulled and the IVs were cut.

Professor Theodore Lowi von der Cornell University 1992.

Das ändert an der Realität aber wenig. Auch für die Präsidentschaftswahlen gibt es zwar immer wieder “unabhängige” Kandidaten oder “dritte Parteien”. Diese sind aber absolut chancenlos. Zugleicht ist der Dritte Kandidat eine Art Mythos.

Diesem Mythos und der absurden Kritik an Parteilichkeit ist das Americans elect entsprungen. Das ist das gerade jetzt gesehen habe, ist ein interessanter Zufall: in den letzten beiden Wochen sind mir einige Gedanken über unsere Parteiendemokratie durch den Kopf gegangen. Anlaß war das Nachdenken über die Notwendigkeit für die absolute Dominanz, die Parteien bei uns in der politischen Willensbildung haben. Eine andere, mir wichtige Frage ist, wie man Online-Werkzeuge für den politischen Diskurs einsetzen und die inhärenten Schwächen dieser Systeme vermeiden/kompensieren kann. Dass mich der Gedanke an den Einsatz spielerischer Elemente außerhalb von Spielen umtreibt, brauche ich gar nicht erwähnen, denke ich :)

Americans elect ist momentan nur als Skizze erkennbar. Man kann sich registrieren, seine politischen Schwerpunkte angeben und eine Reihe von Fragen beantworten, die politische Präferenzen ermitteln sollen. Letzteres ähnelt sehr stark dem WahlOmaten, der auch bei den letzten Bundestagswahlen und einigen Landtagswahlen zum Einsatz kam.

Während der WahlOmat aber immer dazu da war, festzustellen, welche Partei am ehesten meine eigenen Ansichten vertritt, sollen ähnliche Fragen bei America elects den Bürgern bewusst machen, das sie ein individuelles politischen Profil haben. Dieses soll dann dazu verwendet werden, Gruppen gleichgesinnter zusammen zu bringen und dazu passend Kandidaten zu küren. Die Mechanismen dahinter sind prinzipiell ganz ähnliche wie bei einer Partnerbörse.

In den folgenden Monaten sollen auf dieser Plattform, auf der immerhin angeblich schon 1,75 Millionen Amerikaner registriert sind, Diskussionsforen folgen und danach eine echte Kandidatenkür stattfinden.

Was ebenfalls erst in Ansätzen sichtbar ist, sind die Gamification-Elemente. Wer eine erste Reihe von Fragen beantwortet hat, erhält einen niedlichen kleinen Badge, eine Plakette mit dem Abbild von George Washington (das scheint eine der wenigen Symbolfiguren zu sein, auf die sich sowohl Republikaner als auch Demokraten einigen können).

Ich bin sehr gespannt darauf, was hier noch folgen wird. Insbesondere bin ich darauf gespannt, ob und wie weitere Spielmechaniken genutzt werden, um die Leute am Ball zu halten und ihnen Feedback zu vermitteln. Dass das nicht zu spielerisch aussehen kann, ist selbstverständlich. Immerhin geht es hier um etwas sehr ernstes wie die Präsidentschaftswahlen :) Grundsätzlich denke ich aber, dass gut gemachte Verdienst- und Reputations-Mechanismen auf politischen Plattformen eine große Rolle spielen könnten. Auf Fleißkärtchen würde ich eher verzichten.

Genauso spannend wird es natürlich werden, zu sehen, ob es hier zu ernsthaften Debatten kommt und wie die Kandidatenkür aussehen wird. Das ist ein grandioses Experiment, hinter dem scheinbar auch einige Leute mit politischer Erfahrung – und nicht nur technologische Spielkinder stehen. Ein paar Infos zum Hintergrund gibt es hier.

Spielwiese für Amerikas Linke?

Momentan ist Americans elect eine Plattform, die vor allem liberale Amerikaner anzuziehen scheint – deren Ansichten vermutlich sogar in der demokratischen Partei als eher “links” (Fox News würde vermutlich “sozialistisch” sagen) betrachtet werden. Das kann man sehr schön sehen, wenn man die Fragen zur eigenen Ausrichtung beantwortet und danach jeweils die Gesamtauswertung sieht. Ich selbst war mit meinen Ansichten witzigerweise fast immer bei der Mehrheitsmeinung. Die einzige große Ausnahme war das Recht, Schusswaffen zu tragen, das offensichtlich auch liberale Amerikaner mehrheitlich für essentiell halten.

Davon abgesehen, scheint Americans elect vor allem US-Bürger anzuziehen, die mit den Strukturen im US-Parteiensystem nicht glücklich sind – und das ist momentan vermutlich eher der linke Flügel der Demokraten. Die Unzufriedenen auf konservativer Seite sammelt ja gerade die Tea Party Bewegung ein. Ich denke, dort ist die Affinität zu Online-Plattformen eh nicht so ausgeprägt. Das ist ein bisschen schade. Die Konservativen in den USA und die Murdoch-Presse werden die Plattform deshalb als verkappte Propaganda der Demokraten darstellen, die Fox-Sender werden versuchen, das alles lächerlich zu machen etc. etc.

Nicht nur deshalb habe ich große Zweifel daran, dass America elects irgendwelche messbaren Auswirkungen auf die kommenden Wahlen in den USA haben kann. Die werden mit Milliarden-Budgets in den klassischen Medien (und kleineren Online-Kampagnen) entschieden. Der Fokus auf die Präsidentschaftswahlen allein ist zudem ein Schwachpunkt, da hier die Parteilichkeit stets die größte Rolle spielt.

Trotzdem halte ich das für ein hochspannendes Experiment: Americans elect ist vermutlich kein Prototyp für künftige politische Willensbildung. Aber es könnte als eine Art Spielwiese für digitale Strukturen in der politischen Willensbildung dienen, sowie als Signal, dass es wichtig ist, die neuen Instrumente elektronischer Kommunikation auch in der Politik einzusetzen – und, dass Politik immer mit Meinungsverschiedenheiten zu tun hat, aber nicht zwangsläufig mit institutionalisierten Parteien.

Google+ Die Heirat von Search und Social

Das ist vielleicht der eine Aspekt von Google+, der Facebook am meisten Angst machen sollte: Google verzahnt die Suche enger und enger mit Google+

Posts auf Google+ tauchen in der Suche auf. Links, die ich share, gehen mit hoher Priorität in die Suchergebnisse der Leute ein, die “Verbindungen” mit mir unterhalten. Und ich bin mir ganz sicher, dass +1 über kurz oder lang auch den normalen Pagerank beeinflussen wird. Ein paar Fakten dazu hier.

What’s not to clear to me is the exact effect a +1 or a Google+ share has on search results — I thought it would just provide the same results and append a friend’s avatar if they had shared that link … but some testing suggests that Google is actually rearranging search pages based on what your friends share.

Ein paar weitere Gedanken dazu kann man der Diskussion zu diesem Artikel entnehmen, die … natürlich auf Google+ selbst am intensivsten war. Ich bin gespannt, auf was für perverse Ideen die SEO-Experten dieser Welt kommen werden, wenn diese neuen Strukturen klar werden.

Das alles kommt nicht wirklich überraschend. Es war genau genommen schon absehbar, als der +1 Button das erste Mal auftauchte, und sich alle Experten gerade darüber ablachten.

Es ist eine geradezu geniale Strategie:

Über die letzten Jahre hinweg war es nahezu universeller Tenor in der Branche, dass Google zwar der König von Search sei, aber die Leute mehr und mehr über Links in Facebook zu den Seiten kommen, die sie interessieren. Es schien nur noch eine Frage der Zeit, bis Facebook Google der Rang als wichtigste Traffic-Schleuder abnehmen würde.

Jetzt bringt Google+ beide Welten zusammen. Noch sind gerade mal knapp 30 Millionen Menschen weltweit auf Google+ aktiv. Aber ich bin schon jetzt gespannt, wie sich die Traffic-Ströme in den nächsten 12 Monaten entwickeln werden. Genau vorhersehen kann man das nicht aber ich habe schon so eine leise Ahnung …

Grundsätzlich halte ich das für eine positive Entwicklung. Nicht primär, weil mir Google so sympathisch wäre. Google ist genauso evil (= intransparent, arrogant, gierig und machtgeil) wie Facebook. Aber es heizt den Wettbewerb an. Und wenigstens spielen sich Google’s Aktivitäten im (noch) weitgehend offenen Web dar und sind damit auch Wettbewerbern und neuen Innovatoren zugänglich. Google schottet sich nicht vom offenen Web ab, wie Facebook das tut. Das offene Netz ist Basis von Google’s Geschäftsmodell und nicht sein Feind.

Ich denke immer noch nicht, dass Google+ ein Facebook-Killer ist oder als solcher gedacht ist. Aber es scheint ein ziemlich effektives Instrument zu sein, die Bedrohung des Google-Geschäftsmodells durch Facebook abzuwehren. Und ehrlich gesagt, glaube ich schon, dass es die Bewertung des Geschäftsmodells von Facebook in einem neuen Licht erscheinen lassen sollte.

Kann Disput/Diskurs online wirklich funktionieren?

Ich bin ja ein bekennender Freund des Zusammenarbeitens über Online-Medien. ich glaube, dass das noch viel zu wenig genutzt wird, damit Teams die zeitlich und räumlich “entkoppelt” sind, produktiv zusammenarbeiten können. Dadurch werden auch ganz neue Zusammenstellungen von Teams möglich. Es können wirklich die Besten zusammenkommen und nicht nur die, die zufällig am selben Standort wohnen/arbeiten. Und es können Projekte angegangen werden, für die es nur ganz relativ wenig geeignete bzw. interessierte Menschen gibt.

Was ich aber in den vergangenen Tagen wieder vermehrt feststelle:

Echter Disput und produktiver Diskurs ist online sehr viel schwieriger als offline

Nahezu jede kontroverse Diskussion gleitet online noch viel schneller in Beschimpfungen und “Im-Kreise-Reden” ab, als das bei einem Disput im physischen Raum der Fall ist. Ich habe das Gefühl, dass das weniger mit der Tatsache zu tun hat, dass sich die “Gegner” nicht sehen oder gar mit Pseudonymen auftreten.

Ein viel plausibler Grund scheint mir zu sein, dass Moderation auf nahezu keiner Platform, die ich kenne, stattfindet.  In einer Diskussion im physischen Raum spielt der Moderator ja oft eine große Rolle: Öl wird in die Wogen gegossen. Auszeiten müssen eingesetzt werden, Lautschreier gebremst, Stille müssen gefördert werden. Das Gemeinsame an den unterschiedlichen Standpunkten muss identifiziert und den Beteiligten vor Augen geführt werden. Erstens, um die Emotionen zu dämpfen, zweitens, um Kompromisse vorzubereiten. Etc. etc.

Das alles habe ich online nur sehr selten erlebt und ich befürchte, dass es die Mechanismen der meist verwendeten Plattformen auch nur sehr schlecht unterstützen. Zudem ist es ja in den allermeisten Kontexten so, dass es auch niemanden gibt, der die Rolle des Moderators wahrnimmt. Die Rolle des typischen Forums-Moderators beschränkt sich ja – wenn überhaupt vorhanden – darauf, zur Ordnung zu rufen, wenn jemand zu ausfallend wird oder ggf. einen unpassenden Beitrag ganz zu löschen.

Bürgerbeteiligung mit Online-Plattformen?

Ich habe die Befürchtung dass das auch mit einer der Gründe ist, warum Bürgerbeteiligung mit Hilfe von Online-Plattformen, wie zum Beispiel dem oft genannten Adhocracy, so schwierig ist. Es ist nicht nur sehr zäh, in der online-typischen Streitkultur voranzukommen. Viele weniger aggressive Menschen, die in einer gut moderierten Offline-Diskussion noch Chancen sehen, ihre Ansicht zu vertreten, fühlen sich vom Foren-typischen Umgangston abgeschreckt.

In anderen Fällen ist die Moderation gelegentlich so hart (Freigabe von Beiträgen), dass enthusiastische Menschen die Lust am Diskutieren verlieren

Mein persönlicher Eindruck ist, dass es mit Online-Tools derzet sehr gut möglich ist, Anregungen einzusammeln und bewerten zu lassen. Sobald es aber an die konstruktive Arbeit geht und dabei Menschen zusammenarbeiten müssen, die unterschiedlicher Ansicht sind, ist es offensichtlich sehr schwierig, nicht in die üblichen Rituale von Online-Diskussionsforen zu verfallen. Ja, ich weiß: ein gemeinsames Positionspapier zu erarbeiten, ist selbst innerhalb eines Kreise theoretisch “gleichgesinnter” nicht wirklich einfach. Online scheint es mir aber noch schwieriger zu sein.

Fehlen uns da andere Werkzeuge? Muss es andere Regeln geben? Welche Rolle müssen/können menschlicher Moderatoren spielen?

Ich habe aber zu wenig Erfahrung – zum Beispiel mit Adhocracy – um das objektiv beurteilen zu können. Wenn jemand das liest, der da mehr Erfahrung hat, würde ich mich über Kommentare sehr freuen (gerne auch widerstreitende ;-)

 

Was ist real? Was ist virtuell?

Letzte Nacht habe ich eine Email von einer Bekannten erhalten, die ich jetzt seit knapp vier Jahren kenne. Wir sehen uns im Moment nicht mehr oft. Nur noch alle paar Wochen tauschen wir eine Email aus. Sie ist Halb-Libanesin; der Vater aus dem Libanon, Mutter Engländerin. Schon vor ein paar Wochen hatte sie mir von einem Abenteuer berichtet, als sie ihre Familie im Libanon besucht hat: Zusammen mit ein paar jungen Cousins hatte sie heimlich syrische Verwandte, die am Aufstand beteiligt sind, besucht.

Dieses Mal schrieb sie mir nun, dass drei dieser Verwandten – zwei Familienväter in den 40ern und ein junger Cousin, nicht mal 25 Jahre alt – jetzt tot sind. Sie wurden erschossen von der syrischen Armee. Das Haus, in dem sie selbst diese Männer ein paar Wochen zuvor getroffen hatte, ist eine Ruine. Ein Panzer ist einfach durch gefahren. Das alles war schon letzte Woche passiert, aber sie hatte es gerade eben erfahren.

Als ich das heute Morgen im Zug gelesen habe, hat mich das sehr bedrückt – und mir diesen Konflikt wieder vor Augen gezwungen. Ich kannte diese Männer nicht, aber … für einen Moment lang konnte ich ein Echo der Trauer, die meine Bekannte empfand, nachfühlen.

War das reale Trauer? Es war ja nur ein Brief, schlimmer: eine Email – und ein Bericht aus zweiter Hand.

Hinzu kommt: ich kenne diese Frau nur aus Second Life, einer virtuellen Welt. Sie ist ein Avatar. Wir haben eine Zeitlang viel miteinander gesprochen. Und doch kenne ich nur (?) den Namen und das Gesicht ihres Avatars.

Ist das nun eine reale Freundschaft? Und unsere Emails? Ist es ein Unterschied, ob ich eine Email von einem Menschen erhalte, dessen Körper ich nie gesehen habe, oder von einem Menschen dessen Identität in der physischen Realität ich kenne?

Was ist real? Und was bedeutet das für mich?

 

Bildquelle: Martin Gommel

 

Gibt es Alternativen zu klassischen Parteistrukturen in einer Demokratie?

Es gibt, glaube ich, bei vielen Menschen ein dumpfes Unbehagen darüber, welche Bedeutung die Parteien in den politischen Entscheidungsprozessen haben. Bei mir kommt dazu, dass es mir sehr schwer fällt, die Frustrationstoleranz zu verstehen, die politisch engagierte Menschen aufbringen müssen, wenn ihre Partei Positionen zur Durchsetzung verhilft, die sie eigentlich beim besten Wollen nicht mittragen können. Mir ist das erst gestern wieder einmal bei den Diskussionen auf Google+ aufgefallen.

Tatsächlich habe ich dann zwei politisch aktive Online-Bekannte, Nico Lumma und Martin Oetting dazu auch befragt.

Siehe https://plus.google.com/112554148723499466074/posts/XwYHvyvGWcz ;
die Antwort von Martin Oetting ist aufgrund einer Accountsperrung nicht mehr online

Ich meine das jetzt nicht abwertend, aber … mit den (Nicht-)Antworten der beiden war ich nicht gerade glücklich und auch nicht wirklich „schlauer als zuvor“. Politisches Engagement in Form von Parteiarbeit zum Ausdruck zu bringen, scheint für Manche selbstverständlich zu sein. Und was selbstverständlich ist, ist schwierig zu hinterfragen oder zu begründen. Das ist nichts Ungewöhnliches. Es geht letztendlich um Weltanschauung und um tief verwurzelte Glaubensmuster, wie sie jeder Mensch hat – und die umso stärker werden, mit je mehr Menschen man sie teil.

Aber auch die Glaubensmuster in einer Gesellschaft ändern sich ja von Zeit zu Zeit.

Ich frage mich, ob es wirklich keine veritablen Alternativen zur Parteien-Demokratie gibt. Ehrlich gesagt, frage ich mich sogar, wie man Parteistrukturen als nahezu alternativlos für die politische Willensbildung betrachten kann.

Ein Trend, der sich beispielsweise fast wir ein roter Faden durch die Management-Literatur der letzten Jahre zieht, ist eine Kritik an tief gestaffelten Hierarchien, an statischen Unternehmensstrukturen und „Linien-Organisationen“. Diese Strukturen hatten lange Zeit eine unbestreitbare Daseinsberechtigung, weil sie einfach die denkbar effizientesten Organisationsstrukturen für das Erreichen großer Ziele unter Einbeziehung großer Menschenmengen waren. Das aber hat sich mit dem Aufkommen moderner Kommunikationsmittel und dynamischerer Prozesse in der Wirtschaft geändert.

Viele von uns – gerade die, die ihre Berufung im Netz oder in kommunikationsorientierten Berufen gefunden haben – arbeiten meist in Projekt-Organisationen. Diese Projekte sind temporär und haben (hoffentlich) klare, sauber abgegrenzte Ziele. Den Teammitgliedern ist bewusst, dass, wenn diese Ziele erreicht sind, auch die Daseinsberechtigung des Projekts vorbei ist. Danach arbeitet man eben in neuen Konstellationen in anderen Projekten weiter. Oft arbeitet man sogar parallel in mehreren Projekten – was gelegentlich als stressig aber selten als „Interessenkonflikt“ oder Mangel an Loyalität empfunden wird. Warum sollte so etwas in politischen Prozessen nicht möglich sein?

 

Ein utopisches Modell

Wie könnte so etwas aussehen? Das ist nicht schwer zu beschreiben, weil es das alles in Unternehmen und auch anderen Organisationen schon gibt:

  • politische Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse wären „projekt-orientiert“ organisiert.
  • Politiker und politisch engagierte Menschen würden sich fallweise zusammenfinden und organisieren oder in Projektteams abgeordnet werden.
  • Projekte hätten eine Lebensdauer von Wochen, Monaten und manchmal Jahren. Sie wären stets begrenzt (zeitlich und in ihren Zielen).
  • Selbstverständlich gäbe es immer noch unterschiedliche Ansichten über die „richtige“ Lösung und wie sie zu erreichen ist. Aber das Teambuilding wäre nicht davon abhängig, welcher Partei man vor Jahren einmal beigetreten ist, sondern welche Überzeugungen man im konkreten Einzelfall hat.
  • Naturgemäß käme es häufig dazu, dass bei bestimmten Themengebieten die selben Menschen in mehreren, zeitgleich oder nacheinander existierenden Teams zusammenfinden.
  • Genauso wäre es aber möglich, dass ich heute mit Menschen in einem Team zusammenarbeite, die mir nächstes Jahr in einem „gegnerischen“ Team wieder begegnen.

Das heißt nicht zwangsläufig, dass das alles basisdemokratisch ablaufen muss. Vermutlich würde es Personen geben, die auch in diesen Teams die Willensbildung dominieren möchten. Vermutlich würden sich auch Spezialisierungen herausbilden: Menschen, die gut daran sind, komplexe Fragestellungen zu analysieren und in schlüssige Konzeptpapiere zu gießen. Andere, die gut in der Recherchearbeit sind. Projektmanager und Koordinatoren, Präsentatoren, die dicke Konzeptpapiere gut in knackige Thesen und Forderungen herunterbrechen können, etc. Aber diese Rollenverteilung müsste nicht einmal in jedem Projekt die selbe sein. Vielleicht bin in einem politischen Projekt, das sich für mein politisches Lebensziel einsetzt, der „Sprecher“, in einem anderen Analyst und Konzeptschreiber.

Eine solche Struktur würde repräsentative Strukturen nicht ausschließen. Abgeordnete könnte es immer noch geben. Aber sie wären nicht kanonisch an Fraktionsdisziplin gebunden – sondern „ihrem Gewissen verpflichtet“. Und sie wären eben auch Teil von Projektteams deren Sprecher sie manchmal – aber nicht zwangsläufig – wären.

 

Wer die heutige politische Landschaft sieht, mag das für utopisch bis absurd halten. Ich persönlich halte es für nicht weniger absurd, wenn ich sehe, wie CDU-Abgeordnete in Einzelfällen ganz offensichtlich Ansichten hegen, die mehrheitlich die SPD vertritt – und dann aber gemeinsam mit ihren Fraktionskollegen dagegen stimmen. Ich habe so etwas immer als schädlich für das Vertrauen in diese Volksvertreter empfunden und bin damit, glaube ich, nicht ganz allein.

 

Vermutlich sind das alles keine neuen Überlegungen und woanders schon viel eloquenter formuliert worden. Das macht sie hoffentlich nicht schlechter. Ich freue mich über jeden entsprechenden Hinweis und jede Kritik.

ACHTUNG: Abgrenzung

Was mir aber wichtig ist – weil ich schon auf entsprechende Missverständnisse gestossen bin: Ich will mit dieser rohen Beschreibung einer Idee keineswegs einer Stärkung plebiszitärer Elemente das Wort reden. Vermutlich wäre ein höheres Maß an Bürgerbeteiligung in projektorientierten Strukturen tatsächlich einfacher. Ob man sie aber zulässt und wer letztendlich an den relevanten Abstimmungen teilnimmt, ist aber eine ganze andere Frage. Dazu sage ich hier ganz bewusst nichts.

Ich bin auch nicht der Ansicht, dass dynamischere Strukturen in der politischen Willensbildung zwangsläufig zu Liquid Democracy oder zur öffentlichen Nutzung von Plattformen wie Adhocracy führen müssen. Auch Projektteams gab es ja schon, bevor es Wikis oder Shared Docs gab – selbst, wenn sich jüngere Menschen das kaum noch vorstellen können ;-) Und, selbst wenn ein Team ein Wiki einsetzt, muss das nicht zwangsläufig öffentlich einsehbar oder über jeden Internet-Zugang editierbar sein. Auch das sind Fragen, die getrennt diskutiert werden können und sollten.

 

Bildquelle: Wikimedia