Ich hätte auch „Friede, Freude, Eierkuchen“ schreiben können, aber das wäre noch alberner gewesen. Tatsächlich steckt dahinter aber die Vermutung, dass zumindest ein Erfolgsprinzip für schnelles Wachstum von Social-Media-Diensten Zuneigung und Anerkennung ist. Diese Vermutung basiert auf der Beobachtung einiger der erfolgreichsten – am schnellsten wachsenden – neuen Online-Plattformen des letzten Jahres.

Für mich war diese Vermutung, die sich in den letzten zwei Wochen herauskristalliert hat, ziemlich überraschend. Schließlich habe auch ich die Beobachtung gemacht, dass viele Leute im Internet gerne mal richtig die Sau rauslassen. Und, wer sich große Foren wie die von SpOn oder heise ansieht, wird rasch feststellen, dass hier gezofft wird ohne Ende. Der Tenor der meisten Kommentare ist kritisch und viele Anwender scheinen nicht nur bestrebt zu sein, ihre Ansichten kund zu tun, sondern wollen offenbar auch alle Menschen mit anderen Ansichten regelrecht fertigmachen. Manche Blog-Autoren haben sich auf Beiträge voller Häme und persönlicher Angriffe spezialisiert – und ziehen eine Vielzahl treuer Leser und begeistert Beifall klatschender Fans an.

Viele Kritiker betrachten das als „typisch das Internet“? Ist das wirklich so? Auch ich habe das lange Zeit geglaubt. Aber in letzter Zeit habe ich Zweifel bekommen. Einige der in den letzten Monaten am schnellsten gewachsenen Social-Media-Plattformen sind Instagram, Tumblr, Pinterest und Path. Drei dieser Plattformen setzen stark auf „Kuration“ (also Zusammentragen und Remixing von Inhalten). Auch das scheint mir ein gutes Erfolgsrezept für schnelles Wachstum zu sein. Siehe Der Mensch an sich ist faul.

Alle vier der genannten Dienste haben aber noch ein weiteres Merkmal gemeinsam: sie fließen über vor Anerkennung, Lob, Smilies und manchmal sogar Mitgefühl und Liebe. Kann nicht sein? Doch. Wer sich die Streams von Instagram, Pinterest und Path ansieht, wird so gut wie keine Kritik, keine Widerworte, keinen Disput finden. Ähnliches gilt für Tumbler-Blogs – wo die Kommentare manchmal auch komplexer ausfallen können, aber fast immer das Lob vorherrscht. Typische Foren-Kommentare wie „Quatsch!“ oder „Was für ein Haufen Bullshit!“ wird man hier nicht finden. Das ist mit einer der Gründe, warum ich mich so gerne bei Instagram und Path „aufhalte“ – und mit mir Millionen andere.

Alle vier der genannten Dienste sind in den letzten Monaten (Instagram und Tumblr schon etwas länger) abgegangen wie eine Rakete oder – anders formuliert: ihre Benutzerzahlen wuchsen exponentiell. In Zahlen: Tumblr ist mit ca. 40 Millionen gehosteten Blogs die weitaus größte Plattform. Der Traffic auf der Plattform hat sich in 2010 etwa verfünffacht. Instagram hat in 2,5 Monaten 1 Million Anwender gewonnen. Nach etwas über einem Jahr sind es nun rund 15 Millionen. Path hat in nur 2 Wochen 1 Million Anwender gefunden. Das war natürlich auch dem Faktor geschuldet, dass die App kurz nach dem Relaunch im Apple App Store gefeatured wurde. Aber auch nach diesem „Spike“ liegen die Download-Zahlen angeblich bei über 100.000 pro Tag und haben Anfang Januar die 2 Millionen-Marke überschritten.

Und Pinterest ist die Erfolgsstory der zweiten Jahreshälfte 2011: Der Traffic hat sich hier innerhalb von 6 Monaten ver-vierzigfacht!

Ich glaube nicht, dass dieses Zusammentreffen Zufall ist. Meine These:

Es gibt eine große Teilmenge (vielleicht die Mehrheit) der Internet-Nutzer, die sich in einer Umgebung, die positives Feedback, Lob, Anerkennung, Zuneigung fördert, am wohlsten fühlen. Sie haben Foren und andere Diskussionsplattformen im Internet mit aggressiven Umgangsformen bislang gemieden. Diese Menschen werden von neuen Plattformen, die positives Feedback fördern, angezogen. Sie sorgen auf diesen Plattformen für rasches Wachstum durch direkte Empfehlungen und intensive Bereitstellung von user generated content.

Was auch zu dieser These passt: eines der meist-gehypeten deutschen Startups von 2011, Amen, scheint immer noch relativ langsam zu wachsen – obwohl Amen einfach zu bedienen ist, ein Grundbedürfnis bedient („was ich immer schon ‘mal sagen wollte“), erfahrene Gründer, bekannte Geldgeber und – für deutsche Verhältnisse – viel Startkapital dahinter steht. Amen fördert aber Aussagen, die sehr absolut und fast ein bisschen aggressiv klingen „XYZ ist das beste ABC auf der ganzen Welt“. Und Amen erlaubt nur zwei Arten der Reaktion „Ja, genau so ist es!“ und „Neee! BCA ist viel besser!“

So etwas macht in gewissen Kreisen von Freunden bestimmt Spaß – und ist ja auch nicht wirklich bös gemeint. Aber es spiegelt sehr stark – wenn auch in sehr stilisierte Form – die konfliktgeladene Kultur der Foren wieder. Auch hierfür gibt es „einen Markt“. Daran besteht gar kein Zweifel. Aber für diesen Markt gibt es schon viele Angebote. Amen bietet lediglich eine kompaktere, coolere Form davon für eine jüngere Zielgruppe.

Dienste wie Instagram und Path hingegen erschließen neue Zielgruppen. Und sie scheinen sehr, sehr erfolgreich damit zu sein.

  • Enno

    Bösartig könnte man behaupten: Auf Instagram, Tumblr und Path wird das nur so lange gutgehen, bis die Dienste Mainstream genug sind, dass auch Heise-Forentrolle und Piratenparteidurchschnittmitglieder drauf aufmerksam werden. ;)

    • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

      Im Prinzip ja, aber … Alle diese Dienste machen es EINFACH, Lob und Anerkennung zu geben und SCHWIERIG, zu kritisieren. Loben kann man mit einem Click/Touch, Zum Kritisieren muss man schreiben. 

      Schreiben ist gerade mobil lästig.

      Das ist sehr subtil gemacht. Und clever! :)

  • Enno

    Bösartig könnte man behaupten: Auf Instagram, Tumblr und Path wird das nur so lange gutgehen, bis die Dienste Mainstream genug sind, dass auch Heise-Forentrolle und Piratenparteidurchschnittmitglieder drauf aufmerksam werden. ;)

    • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

      Im Prinzip ja, aber … Alle diese Dienste machen es EINFACH, Lob und Anerkennung zu geben und SCHWIERIG, zu kritisieren. Loben kann man mit einem Click/Touch, Zum Kritisieren muss man schreiben. 

      Schreiben ist gerade mobil lästig.

      Das ist sehr subtil gemacht. Und clever! :)

  • Runbotrun

    Ich kann deswegen der Analyse nicht 100%ig zustimmen: Ja, sicherlich
    ziehen die neuen Plattformen auch (!) neue User an, aber sicherlich ist
    es zum großen Teil auch eine Verschiebung innerhalb der Nutzung von
    Plattformen.

    Gerade an diese Wochenende habe ich auf Twitter eine Episode mitbekommen, die meinen Eindruck illustriert: Um die Comickünstlerin Kate Leth ( @aftertheschism:disqus ) brach nach einem Post auf Tumblr ein hefter Shitstorm herein (http://kateordie.tumblr.com/), weil sich Leute durch einen Post von ihr als diskriminierend betrachtet haben (Ich verlinke nicht direkt zum Post, da NSFW).

    Die Meinung vielen Twitter-User dazu war, dass es sich um ein typisches “Livejournal-Drama” handelte, da viele LJ-User inzwischen zu Tumblr gewechselt sind.

    • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

      Hmmm … ist da beim Kommentar etwas verloren gegangen?
      “Ich kann deswegen der Analyse nicht 100%ig zustimmen”
      Weswegen?

      Und was den Absatz danach angeht: Ist denn “ich habe am Wochenende einen Shitstorm erlebt” ein Widerspruch zu meiner Aussage, dass dort ”fast immer das Lob vorherrscht” ???

      Auf meinem Blog ist es übrigens legal, auf NSFW-Inhalte zu verlinken …

  • Runbotrun

    Ich kann deswegen der Analyse nicht 100%ig zustimmen: Ja, sicherlich
    ziehen die neuen Plattformen auch (!) neue User an, aber sicherlich ist
    es zum großen Teil auch eine Verschiebung innerhalb der Nutzung von
    Plattformen.

    Gerade an diese Wochenende habe ich auf Twitter eine Episode mitbekommen, die meinen Eindruck illustriert: Um die Comickünstlerin Kate Leth ( @aftertheschism:disqus ) brach nach einem Post auf Tumblr ein hefter Shitstorm herein (http://kateordie.tumblr.com/), weil sich Leute durch einen Post von ihr als diskriminierend betrachtet haben (Ich verlinke nicht direkt zum Post, da NSFW).

    Die Meinung vielen Twitter-User dazu war, dass es sich um ein typisches “Livejournal-Drama” handelte, da viele LJ-User inzwischen zu Tumblr gewechselt sind.

    • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

      Hmmm … ist da beim Kommentar etwas verloren gegangen?
      “Ich kann deswegen der Analyse nicht 100%ig zustimmen”
      Weswegen?

      Und was den Absatz danach angeht: Ist denn “ich habe am Wochenende einen Shitstorm erlebt” ein Widerspruch zu meiner Aussage, dass dort ”fast immer das Lob vorherrscht” ???

      Auf meinem Blog ist es übrigens legal, auf NSFW-Inhalte zu verlinken …

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