Das noch relativ junge Amen ist eine wirklich coole App. Der schlichte Ansatz ist faszinierend, das Design der App großartig und die Performance (beim Matching schon vorhandener Objekte, Personen etc.) beeindruckend. Auch die Bedienung ist denkbar einfach und elegant – was natürlich auch damit zu tun hat, dass die Funktionalität extrem “schlank” ist, um es mal so neutral auszudrücken. Für eine App ist das aber kein Nachteil. Im Gegenteil. So kann jeder den Dienst sofort verstehen und ohne lange Anlernzeit nutzen.

Trotzdem hebt das Ding nicht richtig ab, scheint’s.

  

Als eine Ursache habe ich immer angesehen, dass das Teil offensichtlich mehr aus Sicht der Datenabnehmer konstruiert wurde als auch Sicht der Anwender – und die deshalb nicht so motiviert sind, ihren Content abzugeben. Das war mehr eine generelle Vermutung nach ein paar Minuten und ein paar Artikeln Sekundärliteratur. Ich kenne das wahre Geschäftsmodell hinter Amen nicht, aber es scheint mir mehr als offensichtlich zu sein, dass der Dienst möglichst eindeutige, harte Sentiments (und letztendlich Intents) seiner Nutzer ermitteln möchte – gut monetarisierbar für Werbung und Online-Vertrieb. Solche Informationen kann man selbstverständlich auch aus Twitter oder Facebook-Post herausziehen. Das ist aber mit einer hohen Ungenauigkeit behaftet: aus einem natürlich – oft kurzen, fehlerhaften mit kryptischen abgekürzten versehenen Satz – zuverlässig eine Ansicht heraus zu lesen, ist “nicht trivial” – um es vorsichtig zu formulieren.

Amen hingegen gibt klare Strukturen vor, hat Kategorien für die bewerteten Objekte (Person, Ding oder Ort) und erzwingt eine klare Entscheidung: Der/die/das Großartigste oder Größter Mist alles Zeiten. Theoretisch führt das zu Klarheit und einfacherer Auswertbarkeit.

Wer sich einmal den Amen-Stream ansieht, wird feststellen, dass die meisten Statements trotzdem eher in die Kategorie (bemüht) humorig bis albern fällt. Der Nutzen – für kommerzielle Abnehmer der Daten oder andere Menschen – scheint mir bei Statements wie den folgenden eher gering zu sein:

  • Licking It is the Best Way To Prevent People From Stealing Your Food Ever
  • The Internet is the Best Way To Distract Yourself From Doing Actual Work Ever.
  • “Put Your USB Stick In My Port” is the Best Dirty Nerd Talk Ever
  • 8 hours of sleep is the Best Investment Ever
  • Face Your Problems Don’t Facebook Your Problems is the Best Advice I’ve Heard All Day !!
  • A Handshake Where Your Counterpart Gives You The Hand Without Any Power So It Feels Like A Dead Fish is the Worst Awkward Physical Contact Ever
  • A Lego Castle is the Worst Thing To Step On In The Middle Of The Night
  • Spätzle is the Best Traditional German Food Ever
  • Laughing so hard your stomach hurts is the Best Natural High in Life Ever

Nein, das ist auch nicht irrelevanter als die meisten Tweets. Aber eben auch nicht weniger. Innerhalb von Freundeskreisen ist es aber vielleicht ein witziges Gesellschaftsspiel. Ich habe selbst habe jetzt trotzdem mal ein bisschen damit rumgespielt. Nach einem halben Dutzend Statements habe ich mich allerdings gefragt, warum ich selbst – von Natur aus sehr mitteilsam ;-) – nicht mehr Lust habe, hier meine Ansichten kundzutun.

Erkenntnis: ich bin einfach nicht selbstbewusst oder arrogant genug (<- keine gehässigen Kommentare, bitte), um viele Statements der Art THE BEST/THE WORST stuff EVER/ON EARTH etc. abzugeben. In solchen Absolutismen denke ich nicht. Und ich frage mich, wer so denkt. In einer geekigen, leicht angeberischen jungmänner-dominierten Subkultur vielleicht? Um es mal sehr klischeehaft zu formulieren:

XXX was the best rap artist. Evah! Period.
Amen, Brother!
Word!

Aus Spaß könnte ich so etwas sagen, aber ich würde es nie ernst meinen. Halte ich ein bestimmtes Musikstück, ein bestimmtes Buch, einen Autor, Komponisten, Musik, Restaurant, ein Auto, Computer, Baum, Schauspieler, Film … für THE BEST/THE WORST? Nein, für alle diese Bewertung habe ich mindestens ein halbes Dutzend Kandidaten und selbst dann würde ich das einschränkender formulieren, auf Zeiträume, Regionen, Sub-Genres etc. beziehen.

Ich frage mich, wie vielen Menschen das ähnlich geht und wie viele das von längerer Beschäftigung mit Amen abhält.