Heute kam mir in einer Online-Diskussion wieder einmal die Forderung nach eimem “-1″-Button unter. Das viel mir deshalb auf, weil ich kürzlich mit Kollegen drüber diskutiert habe, wie fruchtlose Diskussionen und Flamewars entstehen und wie man sie dämpfen kann.

Auch ich habe mich vor einigen Jahren immer wieder einmal gefragt, warum es auf einigen Plattformen neben dem Thumbs-Up kein Thumbs-Down gibt. Es hat eine Weile gedauert, bis ich da von selbst drauf gekommen bin – vermutlich hätte man es auch googlen können: in einer Community, in der es möglich ist, über einen anderen Menschen mit einem Mausklick den Daumen zu senken, herrscht eine ganz andere Atmosphäre als in einer, in der das nicht geht. Mobbing Storms sind viel einfacher zu entfachen.

 

Negatives Feedback – speziell unspezifisches – schreckt ab

So etwas macht manchen Menschen Spaß – siehe die Bewertungen beim Video von Rebecca Black (Rebecca Black – Friday – Official Music Video) Es gibt ja regelrechte Kampagnen, in denen dazu aufgefordert wird, Videos auf Youtube zu dissen. Junge Menschen sind dafür besonders anfällig, speziell, wenn Peer Pressure eine Rolle spielt. Der negative Seiteneffekt – abseits der fragwürdigen Moral hinter solchen Aktionen – ist, dass dadurch die Bereitschaft, eigene Beiträge online zu stellen, bei anderen Menschen sinkt.

Viele Menschen, die wertvolle Beiträge auf UGC-Plattformen bringen könnten – und gerne würden – werden durch Dislike Buttons geradezu systematisch demotiviert.

Deshalb macht es Sinn, lediglich positive Meinungsäußerungen als One-Click zuzulassen und für Kritik die Barriere höher zu legen. Einen kritischen Kommentar zu schreiben, kostet ja mehr Aufwand.

Die Aussage “Daumen runter” in tausendfacher Zahl ist – speziell ohne nähere Angabe von Gründen – sehr demotivierend. Natürlich enthält auch Daumen hoch keine spezifischen Informationen. Aber es ist positives Feedback, das mich für meine Mühe, einen Inhalt zu erstellen, entlohnt. Da genügt oft das freundliche Nicken.

Als ich diese These in einem kleinen Post auf Google+ vorstellte, bekam ich einigen Zuspruch aber auch erbitterte Widerrede. Ein Diskussionsteilnehmer sah hinter der Unterdrückung des Dislike-Buttons eine Art Zensur und eine hinterlistige Taktik von Geschäftsmachern, positive Beiträge zu betonen. Solche Verschwörungstheorien sind mir nicht ganz fern. Aber ich glaube, dass manche Menschen (insbesondere männlichen Geschlechts) die psychologische Wirkung negativen Feedback in großer Zahl unterschätzen.

 

Männer pöbeln – Frauen loben

In unserer westlichen Kultur – speziell unter Männern – noch spezieller unter jungen Männern – ist es geradezu cool, die eigene Ansicht zu verteidigen, indem man die andere Ansicht oder den Menschen, der sie vertritt, kritisiert, runtermacht und auf jeden Fall aggressiv angeht. Online ist das ebenfalls üblich – besonders auffällig in Techie-Kreisen. Wer sich daran gewöhnt hat und über ein entsprechend dickes Fell verfügt, dem macht das nichts und er (meistens ist es ein er) macht mit.

Es gibt aber auch Menschen, die sich mit so etwas extrem unwohl fühlen und solchen Plattformen deshalb fern bleiben. Möchte ich auch deren Beiträge bei mir sehen, muss ich ihnen eine Umgebung schaffen, in der sie sich wohlfühlen. Kritik deshalb etwas schwieriger – nicht unmöglich – zu machen, ist eine Möglichkeit, das zu tun.

Ich muss in diesem Zusammenhang auch an eine andere Diskussion über Markenpräferenzen denken: Wenn ein Mann in einer Kneipe oder auf eine Party über seinen neuen BMW schwärmt, wird mit nahezu an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein anderer Mann aufstehen, BMW runtermachen und seinen Audi/Mercedes loben. Je mehr Alkohol im Spiel ist, desto größer die Wahrscheinlichkeit. Das eine Frau eine andere zusammenstaucht, weil beide unterschiedliche Haarpflegelinien bevorzugen, habe ich noch nicht erlebt. Und, ehrlich gesagt, finde ich das auch gut so. Die Konsequenz: wer Frauen auf seiner Plattform halten möchte, macht es am besten nicht zu einfach, negatives Feedback abzusondern.

Davon abgesehen halte ich es einfach auch nicht für konstruktiv, auf jede Äußerung eines anderen Menschen, die mir nicht behagt, mit einem “Was’n Schwachsinn” zu reagieren. Wobei “Was’n Schwachsinn” sogar schon differenziertere Kritik ist, als einen Daumen-Runter-Button anzuklicken. Lob darf unspezifisch sein. Kritik sollte immer spezifisch – und wenn möglich konstruktiv – sein.

 

 

  • Thorsten Roggendorf

    Sehr gut, vielen Dank! Ich versuche eine Plattform zu entwickeln, wo Menschen andere Menschen nach beliebigen Kriterien bewerten können. Erst wollte ich feste (positive!) Kriterien vorgeben. Doch ich habe mich überzeugen lassen, dass die Kriterien frei wählbar sein müssen. Jetzt stehe ich genau vor diesem Problem. Meine Hoffnung ist, dass sich negative Kriterien durch (Crowd-) Moderation entfernen lassen. Doch wenn das nicht gelingt, ist das Projekt fast sicher zum scheitern verurteilt. Wenn da wer eine Idee zu hat, her damit :-)

    • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

      Das ganze Thema “Menschen bewerten” ist ein sehr heikles, so weit ich das nach meiner Erfahrung beurteilen kann. Selbst auf Plattformen, für die solche Bewertungen Bestandteil einer umfangreicheren Gesamtfunktionalität sind – das bekannteste Beispiel sind MMORPGs (Online Spiele) – gehen die Entwickler damit sehr sehr vorsichtig um.

      Es ist zu leicht, “Kampagnen” gegen andere User zu fahren und diese in Grund und Boden zu werten. User mit großen Freundeskreisen haben da oft eine große Macht – mit der leider nicht sehr verantwortungsbewußt umgegangen wird. Ob bei einem völlig freien Bewertungssystem Peer-Reviews ausreichen, um solche Mobbing-Kampagnen zu verhindern, weiß ich nicht. Ich bin zumindest skeptisch.

      Ich habe mindestens eine solche Plattform, die aus einem bestehenden Bewertungssystem erst die negative Bewertungsmöglichkeit herausgenommen hat und später auf die Ratings ganz verzichtet hat.

      • Thorsten Roggendorf

        Ja, ich teile Deine Skepsis leider … was mich dran hindert, es trotzdem zu versuchen.
        Eine Idee ist, Mobber und Trolle als solche werten zu können und es Nutzern zu ermöglichen, solche aus den Ergebnissen herausfiltern zu lassen. Das hilft gegen Kampagnen natürlich nur bedingt und hat seinerseits Missbrauchsmöglichkeiten. Sind Deiner Erfahrung nach “Kampagnen” ein signifikantes Problem? Wie gesagt, Anonymität soll es nicht geben.

      • Thorsten Roggendorf

        Ja, ich teile Deine Skepsis leider … was mich dran hindert, es trotzdem zu versuchen.
        Eine Idee ist, Mobber und Trolle als solche werten zu können und es Nutzern zu ermöglichen, solche aus den Ergebnissen herausfiltern zu lassen. Das hilft gegen Kampagnen natürlich nur bedingt und hat seinerseits Missbrauchsmöglichkeiten. Sind Deiner Erfahrung nach “Kampagnen” ein signifikantes Problem? Wie gesagt, Anonymität soll es nicht geben.

    • Peter Claus Lamprecht

      Wer Menschen bewertet, ist möglicherweise gestört oder ein Kleinkind.
      Vorschlag: Ausschließlich das Verhalten oder Tätigkeiten von Menschen bewerten (lassen).
      Und wer negative Kritik üben will, sollte das niemals anonym machen können.

      • Thorsten Roggendorf

        Das ist Selbstverstänlich, Anonymität kann es da nicht geben.

  • Thorsten Roggendorf

    Sehr gut, vielen Dank! Ich versuche eine Plattform zu entwickeln, wo Menschen andere Menschen nach beliebigen Kriterien bewerten können. Erst wollte ich feste (positive!) Kriterien vorgeben. Doch ich habe mich überzeugen lassen, dass die Kriterien frei wählbar sein müssen. Jetzt stehe ich genau vor diesem Problem. Meine Hoffnung ist, dass sich negative Kriterien durch (Crowd-) Moderation entfernen lassen. Doch wenn das nicht gelingt, ist das Projekt fast sicher zum scheitern verurteilt. Wenn da wer eine Idee zu hat, her damit :-)

    • Peter Claus Lamprecht

      Wer Menschen bewertet, ist möglicherweise gestört oder ein Kleinkind.
      Vorschlag: Ausschließlich das Verhalten oder Tätigkeiten von Menschen bewerten (lassen).
      Und wer negative Kritik üben will, sollte das niemals anonym machen können.

      • Thorsten Roggendorf

        Das ist Selbstverstänlich, Anonymität kann es da nicht geben.

  • Anonymous

    Na dann “Daumen rauf!” für diesen Beitrag!

  • http://cubefox.pip.verisignlabs.com/ Blair

    Wie wärs damit, wenigstens mit einem “-1″ ein vorhandenes “+1″ löschen zu können, ohne in den negativen Bereich zu kommen? Damit würde verhindert, dass eine Minderheit einen Beitrag “hochvotet”, dem die Mehrheit klar widerspricht oder neutral gegenübersteht. So bekämen die Bewertungen endlich wider etwas Aussagekraft. Momentan sind sie nur irreführend. Sie geben höchstens dem Voter selbst ein gutes Gefühl, aber ablesen kann man aus den Bewertungen nichts.

  • http://cubefox.pip.verisignlabs.com/ Kris Kelvin

    Wie wärs damit, wenigstens mit einem “-1″ ein vorhandenes “+1″ löschen zu können, ohne in den negativen Bereich zu kommen? Damit würde verhindert, dass eine Minderheit einen Beitrag “hochvotet”, dem die Mehrheit klar widerspricht oder neutral gegenübersteht. So bekämen die Bewertungen endlich wider etwas Aussagekraft. Momentan sind sie nur irreführend. Sie geben höchstens dem Voter selbst ein gutes Gefühl, aber ablesen kann man aus den Bewertungen nichts.