Gestern hat der Johnny Haeusler auf Spreeblick einen sehr schönen Post abgesetzt, in dem er die irrwitzige Sehnsucht der Internet-Fans nach Anarchie und die unreflektierte Ablehnung jeder Art der Regulierung anprangert. Sehr schön “gegen den Strich gebürstet”.

Johnny hat, um den Verfechtern der absoluten Internet-Freiheit ihre Spießigkeit vor Augen zu halten, den Vergleich mit Verkehrsregeln und der unsäglichen Kampagne Freie Fahrt für freie Bürger gebracht.

Und er hat zu recht den hysterischen, dogmatischen Ansatz der Regulationsfeinde kritisiert (klassische Parteienbildung eben):

Das, was man aus dem Meer der Netzstimmen manchmal zu lesen bekommt, unterscheidet sich dann an Eindimensionalität nicht mehr von dem, was man kritisiert

Das ist ein guter Post (selbst wenn ich die Metapher verunglückt finde). Er hat auch mich zum Nachdenken gebracht. Tatsächlich ist diese Ablehnung oft emotional und unreflektiert, eine Sehnsucht nach dem Wilden Westen und den Freiheiten, die es da gab – aber auch der ist ja irgendwann untergegangen. Und das musste auch so passieren. Die Kombination aus Anarchie und einer hochentwickelten Zivilisation hat bislang noch nie funktioniert. Das hat Gründe. Regeln müssen sein, wenn viele Menschen zusammenleben.

Johnny hat mich in diesem Fall trotzdem nicht überzeugt. Ich habe darüber unter anderem mit Ennomane auf Google+ diskutiert. Meine Sorgen hatte ich kurz zusammengefasst (nicht besonders originell)

  1. Das Internet ist weitgehend global, fast jede Regulierung lokal – was auch mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Gesetzesnormen zu tun hat, die kaum normiert werden kann.
  2. Damit ein Staat seine individuellen Vorstellungen darüber, was im Bereich der Internetkommunikation legal (oder wünschenswert) ist, durchsetzen kann, muss er nahezu zwangsläufig alle Datenpakete überwachen und analysieren, zumindest beim Übergang von “Der Welt” in ein dann national reguliertes Internet. Vielleicht sogar bei jeder Kommunikation, an der ein Bürger dieses Staates irgendwo auf der Welt beteiligt ist (viele Staaten haben interessante Ansichten über die Reichweite ihrer Jurisdiktion).
  3. Das wäre … nicht schön

Ennomane hat mich daraufhin noch einmal darauf aufmerksam gemacht – richtigerweise – dass Regulierung nicht “Überwachungsstaat” heißt

Wer sagt, dass Regulierung zwingend bedeutet, dass Inhalte gesperrt werden?

Und ich denke, dass Johnny das ähnlich sieht. Beide haben recht. Ein gutes Gegenspiel ist ja die Netzneutralität, eine Art Regulierung, die viele Netizens gut finden/fänden.

Andererseits: Ich denke, dass “Kontrolle/Überwachung der Inhalte” der Tenor in der überwiegenden Anzahl der Forderungen nach “mehr Regulierung” war, die ich in den letzten ca. 2 Jahren öffentlich wahrgenommen habe. Es gabe sicherlich auch andere, die ich wahrgenommen habe (wenn mir auch hier wieder nur ”Netzneutralität” einfällt), aber die Anzahl und öffentliche Sichtbarkeit war ca. eine Größenordnung geringer; für nicht netz-affine Menschen vermutlich noch kleiner.

Aber auch Regeln müsse ja nicht das Ende der Freiheit bedeuten. Die Argumentationslinie bei Johnny war dazu u.a.:

Ich bin davon überzeugt, dass es im Netz neben den glitzernden Hauptstraßen auch immer die dunkleren Seitengassen, die nur halb legalen Rotlicht-Viertel, die Indie-Läden und die Drogendealer geben wird – wie in jeder Stadt auch. Man wird immer finden, was man will, wenn man weiß, wo man suchen muss. Ich mache mir keinerlei Sorgen darum, dass das Netz zu einem klinisch sauberen Ort werden könnte, der keinen Platz mehr für Spinner und Absurditäten lässt, für Abgedrehtes und Absonderliches und für das, was nun wirklich nur drei echt ziemlich schräge Leute interessiert. Das Netz besteht schließlich aus Menschen. Die machen das schon.

Ennomane formulierte das so:

Hier und da stehen Starenkästen, an den meisten Stellen nicht. So ähnlich ist gerade mit File-Sharing: Pech wenn du dabei erwischt wirst.

Ich habe in diesem Zusammenhang allerdings ein paar Sorgen:

  1. Es gibt eine Vielzahl von Menschen, die nicht verstehen, dass Gesetze Spiel (im Sinne von engl. slack) brauchen, und die es im Gegenteil für richtig und wichtig halten, dass Gesetze möglichst universell durchgesetzt werden. Diese Wahrnehmung ist typischerweise selektiv. Es gibt beispielsweise Eltern kleiner Kinder, die es gut fänden, wenn jeder Raser vor dem Kindergarten erwischt und bestraft würde, die aber ein bisschen Steuerhinterziehung oder Versicherungsbetrug als eine Art ausgleichende Gerichtigkeit ansehen. Das alles ist – zugegebenermaßen – sehr subjektiv.
  2. Würde man diesen Menschen die Mittel an die Hand geben, jeden Gesetzesverstoss – bei den Gesetzen, die ihnen persönlich wichtig sind – zu entdecken und zu bestrafen, würden sie das vermutlich tun. Um den Vergleich zum Autoverkehr anzuwenden: Wäre es kostengünstig machbar, jeden Regelverstoß im Straßenverkehr zu ahnden, gäbe es vermutlich eine große Menge von Politikern und Bürgern, die fordern würden, das auch zu tun.
  3. Ich würde es – scheinbar im Gegensatz Johnny - für durchaus nicht unmöglich halten, den Durchsetzungsgrad der Regeln im Internet durch technische Maßnahmen deutlich zu steigern – und das zu recht überschaubaren Kosten. Man kann mir hier den Vorwurf machen, technischer Utopist zu sein. Aber, wenn ich mir die Arbeit der Netzausrüster in Kooperation mit den Sicherheits-Verantwortlichen großer Unternehmen sowie totalitärer (und demokratischer) Staaten in den letzten Jahren ansehe, bin ich da recht pessimistisch. Digital-technische Maßnahmen werden rasend schnell billiger (deutlich schneller als Starenkästen).

Zum Abschluß: vielleicht höre ich – und andere – tatsächlich viel zu schnell “Überwachung”, wenn mit Bezug auf’s Internet-”Regulierung” gesagt wird. Das ist eigentlich absurd. Ich bin ein schrecklicher Spießer: heterosexuell, seit Millionen Jahren verheiratet, ein Kind, zahle aus Überzeugung Steuern, fahre nicht im besoffenen Zustand, fahre auf Autobahnen 130 und in Tempo-30-Zonen höchstens mal aus Gedankenlosigkeit schneller (und habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich’s merke). Ich kaufe meine Musik und die Filme, die ich konsumiere und bemühe mich, dass das auch die anderen Mitglieder meiner Kleinfamilie tun. Auch ansonsten tue ich weder online noch offline etwas, was mich (derzeit) in den Knast bringen oder womit man mich erpressen könnte. Und trotzdem glaube ich, dass es für eine Gesellschaft unglaublich wichtig ist (sogar für ihr Fortbestehen), dass es slack gibt, dass die Menschen Dinge tun können, die verboten sind. Das ist völlig unabhängig davon, ob ich diese Dinge selbst tue oder gerne tun würde. Einige verabscheue ich sogar.

Gesellschaften, die ihre Regeln und Wertvorstellungen rigoros durchsetzen – selbst, wenn die Mehrheit das so will – sind weder lebenswert noch dauerhaft überlebensfähig.

Das sehen viele meiner Mitmenschen anders. Darum sorge ich mich.

  • http://kopflast.net Kopflast

    Danke. Eine gute Zusammenfassung der Diskussion der vergangenen Jahre.  Ein Abschluß mit Ergebnis ist nicht in Sicht. Und es bleibt nur sich weiter Gedanken zu machen. 
    Wer das Internet unter Anarchie stellen will, hat es einfach nicht verstanden. Zum einen das Anarchie für Gesellschaften nicht funktioniert und zum anderen das Kontrolle und Regulierung die Basis des Netzwerks ist. Wären die Programmierer meistenteils Anarchisten gäbe es wahrscheinlich nicht mal ein Betriebssystem über das man sich streiten könnte. 
    Die Angst vor dem Überwachungsstaat teile ich und finde diese Version der Zukunft auch wenig reizvoll. Doch darf man nicht aus den Augen verlieren, das alles was wir hier benutzen auf gut beschriebenen und eingehaltenen Regeln basiert. 
    Wenn sich dann mal alle gut entspannen und von ihren extremen Positionen etwas Abstand nehmen, könnten sogar Kompromisse zum Vorteil Aller gefunden werden.

    So, das ist mir nach Genuß Deines Artikel adhoc in dem Kopf geploppt und nun habe ich es mitgeteilt.

    Gruß kopflast

  • http://kopflast.net Kopflast

    Danke. Eine gute Zusammenfassung der Diskussion der vergangenen Jahre.  Ein Abschluß mit Ergebnis ist nicht in Sicht. Und es bleibt nur sich weiter Gedanken zu machen. 
    Wer das Internet unter Anarchie stellen will, hat es einfach nicht verstanden. Zum einen das Anarchie für Gesellschaften nicht funktioniert und zum anderen das Kontrolle und Regulierung die Basis des Netzwerks ist. Wären die Programmierer meistenteils Anarchisten gäbe es wahrscheinlich nicht mal ein Betriebssystem über das man sich streiten könnte. 
    Die Angst vor dem Überwachungsstaat teile ich und finde diese Version der Zukunft auch wenig reizvoll. Doch darf man nicht aus den Augen verlieren, das alles was wir hier benutzen auf gut beschriebenen und eingehaltenen Regeln basiert. 
    Wenn sich dann mal alle gut entspannen und von ihren extremen Positionen etwas Abstand nehmen, könnten sogar Kompromisse zum Vorteil Aller gefunden werden.

    So, das ist mir nach Genuß Deines Artikel adhoc in dem Kopf geploppt und nun habe ich es mitgeteilt.

    Gruß kopflast

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