Letzte Woche ist mir ein ziemlich spannend aussehendes Experiment untergekommen: Americans elect, eine Online-Plattform, die amerikanische Wähler für die Mitwirkung bei den nächsten Präsidentschaftswahlen – abseits der bestehenden Parteistrukturen – motivieren möchte.

Das Parteiensystem in den USA ist in mancher Hinsicht faszinierend: einerseits ist ein striktes Zwei-Parteien-System, das teilweise sogar gesetzlich verankert ist. Andererseits sind die den Parteien zugeordneten Repräsentanten oft erstaunlich unabhängig – und mehr an den Belangen ihres Wahlkreises als grundlegenden ideologischen Fragen interessiert. Ein schöner Artikel dazu ist ganz frisch hier zu lesen. Das finden die Amerikaner auch OK so. Den Vorwurf der Parteilichkeit (partisanship) machen sie – und die Parteienvertreter (sic) sich gegenseitig – allerdings oft und gerne. Und die Kritik am Zweiparteiensystem ist unter Intellektuellen weit verbreitet.

One of the best-kept secrets in American politics is that the two-party system has long been brain dead — kept alive by support systems like state electoral laws that protect the established parties from rivals and by Federal subsidies and so-called campaign reform. The two-party system would collapse in an instant if the tubes were pulled and the IVs were cut.

Professor Theodore Lowi von der Cornell University 1992.

Das ändert an der Realität aber wenig. Auch für die Präsidentschaftswahlen gibt es zwar immer wieder “unabhängige” Kandidaten oder “dritte Parteien”. Diese sind aber absolut chancenlos. Zugleicht ist der Dritte Kandidat eine Art Mythos.

Diesem Mythos und der absurden Kritik an Parteilichkeit ist das Americans elect entsprungen. Das ist das gerade jetzt gesehen habe, ist ein interessanter Zufall: in den letzten beiden Wochen sind mir einige Gedanken über unsere Parteiendemokratie durch den Kopf gegangen. Anlaß war das Nachdenken über die Notwendigkeit für die absolute Dominanz, die Parteien bei uns in der politischen Willensbildung haben. Eine andere, mir wichtige Frage ist, wie man Online-Werkzeuge für den politischen Diskurs einsetzen und die inhärenten Schwächen dieser Systeme vermeiden/kompensieren kann. Dass mich der Gedanke an den Einsatz spielerischer Elemente außerhalb von Spielen umtreibt, brauche ich gar nicht erwähnen, denke ich :)

Americans elect ist momentan nur als Skizze erkennbar. Man kann sich registrieren, seine politischen Schwerpunkte angeben und eine Reihe von Fragen beantworten, die politische Präferenzen ermitteln sollen. Letzteres ähnelt sehr stark dem WahlOmaten, der auch bei den letzten Bundestagswahlen und einigen Landtagswahlen zum Einsatz kam.

Während der WahlOmat aber immer dazu da war, festzustellen, welche Partei am ehesten meine eigenen Ansichten vertritt, sollen ähnliche Fragen bei America elects den Bürgern bewusst machen, das sie ein individuelles politischen Profil haben. Dieses soll dann dazu verwendet werden, Gruppen gleichgesinnter zusammen zu bringen und dazu passend Kandidaten zu küren. Die Mechanismen dahinter sind prinzipiell ganz ähnliche wie bei einer Partnerbörse.

In den folgenden Monaten sollen auf dieser Plattform, auf der immerhin angeblich schon 1,75 Millionen Amerikaner registriert sind, Diskussionsforen folgen und danach eine echte Kandidatenkür stattfinden.

Was ebenfalls erst in Ansätzen sichtbar ist, sind die Gamification-Elemente. Wer eine erste Reihe von Fragen beantwortet hat, erhält einen niedlichen kleinen Badge, eine Plakette mit dem Abbild von George Washington (das scheint eine der wenigen Symbolfiguren zu sein, auf die sich sowohl Republikaner als auch Demokraten einigen können).

Ich bin sehr gespannt darauf, was hier noch folgen wird. Insbesondere bin ich darauf gespannt, ob und wie weitere Spielmechaniken genutzt werden, um die Leute am Ball zu halten und ihnen Feedback zu vermitteln. Dass das nicht zu spielerisch aussehen kann, ist selbstverständlich. Immerhin geht es hier um etwas sehr ernstes wie die Präsidentschaftswahlen :) Grundsätzlich denke ich aber, dass gut gemachte Verdienst- und Reputations-Mechanismen auf politischen Plattformen eine große Rolle spielen könnten. Auf Fleißkärtchen würde ich eher verzichten.

Genauso spannend wird es natürlich werden, zu sehen, ob es hier zu ernsthaften Debatten kommt und wie die Kandidatenkür aussehen wird. Das ist ein grandioses Experiment, hinter dem scheinbar auch einige Leute mit politischer Erfahrung – und nicht nur technologische Spielkinder stehen. Ein paar Infos zum Hintergrund gibt es hier.

Spielwiese für Amerikas Linke?

Momentan ist Americans elect eine Plattform, die vor allem liberale Amerikaner anzuziehen scheint – deren Ansichten vermutlich sogar in der demokratischen Partei als eher “links” (Fox News würde vermutlich “sozialistisch” sagen) betrachtet werden. Das kann man sehr schön sehen, wenn man die Fragen zur eigenen Ausrichtung beantwortet und danach jeweils die Gesamtauswertung sieht. Ich selbst war mit meinen Ansichten witzigerweise fast immer bei der Mehrheitsmeinung. Die einzige große Ausnahme war das Recht, Schusswaffen zu tragen, das offensichtlich auch liberale Amerikaner mehrheitlich für essentiell halten.

Davon abgesehen, scheint Americans elect vor allem US-Bürger anzuziehen, die mit den Strukturen im US-Parteiensystem nicht glücklich sind – und das ist momentan vermutlich eher der linke Flügel der Demokraten. Die Unzufriedenen auf konservativer Seite sammelt ja gerade die Tea Party Bewegung ein. Ich denke, dort ist die Affinität zu Online-Plattformen eh nicht so ausgeprägt. Das ist ein bisschen schade. Die Konservativen in den USA und die Murdoch-Presse werden die Plattform deshalb als verkappte Propaganda der Demokraten darstellen, die Fox-Sender werden versuchen, das alles lächerlich zu machen etc. etc.

Nicht nur deshalb habe ich große Zweifel daran, dass America elects irgendwelche messbaren Auswirkungen auf die kommenden Wahlen in den USA haben kann. Die werden mit Milliarden-Budgets in den klassischen Medien (und kleineren Online-Kampagnen) entschieden. Der Fokus auf die Präsidentschaftswahlen allein ist zudem ein Schwachpunkt, da hier die Parteilichkeit stets die größte Rolle spielt.

Trotzdem halte ich das für ein hochspannendes Experiment: Americans elect ist vermutlich kein Prototyp für künftige politische Willensbildung. Aber es könnte als eine Art Spielwiese für digitale Strukturen in der politischen Willensbildung dienen, sowie als Signal, dass es wichtig ist, die neuen Instrumente elektronischer Kommunikation auch in der Politik einzusetzen – und, dass Politik immer mit Meinungsverschiedenheiten zu tun hat, aber nicht zwangsläufig mit institutionalisierten Parteien.