Ich bin ja ein bekennender Freund des Zusammenarbeitens über Online-Medien. ich glaube, dass das noch viel zu wenig genutzt wird, damit Teams die zeitlich und räumlich “entkoppelt” sind, produktiv zusammenarbeiten können. Dadurch werden auch ganz neue Zusammenstellungen von Teams möglich. Es können wirklich die Besten zusammenkommen und nicht nur die, die zufällig am selben Standort wohnen/arbeiten. Und es können Projekte angegangen werden, für die es nur ganz relativ wenig geeignete bzw. interessierte Menschen gibt.

Was ich aber in den vergangenen Tagen wieder vermehrt feststelle:

Echter Disput und produktiver Diskurs ist online sehr viel schwieriger als offline

Nahezu jede kontroverse Diskussion gleitet online noch viel schneller in Beschimpfungen und “Im-Kreise-Reden” ab, als das bei einem Disput im physischen Raum der Fall ist. Ich habe das Gefühl, dass das weniger mit der Tatsache zu tun hat, dass sich die “Gegner” nicht sehen oder gar mit Pseudonymen auftreten.

Ein viel plausibler Grund scheint mir zu sein, dass Moderation auf nahezu keiner Platform, die ich kenne, stattfindet.  In einer Diskussion im physischen Raum spielt der Moderator ja oft eine große Rolle: Öl wird in die Wogen gegossen. Auszeiten müssen eingesetzt werden, Lautschreier gebremst, Stille müssen gefördert werden. Das Gemeinsame an den unterschiedlichen Standpunkten muss identifiziert und den Beteiligten vor Augen geführt werden. Erstens, um die Emotionen zu dämpfen, zweitens, um Kompromisse vorzubereiten. Etc. etc.

Das alles habe ich online nur sehr selten erlebt und ich befürchte, dass es die Mechanismen der meist verwendeten Plattformen auch nur sehr schlecht unterstützen. Zudem ist es ja in den allermeisten Kontexten so, dass es auch niemanden gibt, der die Rolle des Moderators wahrnimmt. Die Rolle des typischen Forums-Moderators beschränkt sich ja – wenn überhaupt vorhanden – darauf, zur Ordnung zu rufen, wenn jemand zu ausfallend wird oder ggf. einen unpassenden Beitrag ganz zu löschen.

Bürgerbeteiligung mit Online-Plattformen?

Ich habe die Befürchtung dass das auch mit einer der Gründe ist, warum Bürgerbeteiligung mit Hilfe von Online-Plattformen, wie zum Beispiel dem oft genannten Adhocracy, so schwierig ist. Es ist nicht nur sehr zäh, in der online-typischen Streitkultur voranzukommen. Viele weniger aggressive Menschen, die in einer gut moderierten Offline-Diskussion noch Chancen sehen, ihre Ansicht zu vertreten, fühlen sich vom Foren-typischen Umgangston abgeschreckt.

In anderen Fällen ist die Moderation gelegentlich so hart (Freigabe von Beiträgen), dass enthusiastische Menschen die Lust am Diskutieren verlieren

Mein persönlicher Eindruck ist, dass es mit Online-Tools derzet sehr gut möglich ist, Anregungen einzusammeln und bewerten zu lassen. Sobald es aber an die konstruktive Arbeit geht und dabei Menschen zusammenarbeiten müssen, die unterschiedlicher Ansicht sind, ist es offensichtlich sehr schwierig, nicht in die üblichen Rituale von Online-Diskussionsforen zu verfallen. Ja, ich weiß: ein gemeinsames Positionspapier zu erarbeiten, ist selbst innerhalb eines Kreise theoretisch “gleichgesinnter” nicht wirklich einfach. Online scheint es mir aber noch schwieriger zu sein.

Fehlen uns da andere Werkzeuge? Muss es andere Regeln geben? Welche Rolle müssen/können menschlicher Moderatoren spielen?

Ich habe aber zu wenig Erfahrung – zum Beispiel mit Adhocracy – um das objektiv beurteilen zu können. Wenn jemand das liest, der da mehr Erfahrung hat, würde ich mich über Kommentare sehr freuen (gerne auch widerstreitende ;-)

 

  • http://twitter.com/nandorr nandor

    Ja, Online-Diskurs, Online-Disput kann funktionieren!
    Wie üblich ist von allen Beteiligten ein bestimmte Rahmen zu akzeptieren:
    - Ohne Moderation geht es nicht”!
    - Klare Regeln zur Diskussion
    - Keine zu hoch gesteckten Ziele, sondern erreichbare Schritte definieren!
    - Verbindlichkeit einfordern
     
    Zu Online-Kursen gibt es ein Modell zur Entwickliúng der Zusammenarbeit, die “5 Steps” von Gilly Salmon.  Die Gruppenmittglieder müssen sich erst kennenlernen, vertrauen aufbauen, dann kann die Online-Zusammenarbeit (in der perfekten Phase) auch ohne Moderation auskommen. Wir sind aber nicht perfekt. Und bei offenen Plattformen ist jeder in einer anderen ohase der “Aklimatisierung”. Das macht es nicht leichter.

    Soll ein “Ergebnis” herauskommen, also eine Aktion oder Statement, dann geht es nicht ohne Moderation.

    • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

      Kling als Zusammenfassung erstmal gut. Wobei das “Vertrauen aufbauen” schon nach einer Herausforderung klingt – weil so etwas ja Zeit kostet.

      Wo kann man mehr über die “5 Steps” erfahren? (Laut Amazon hat Gilly Salmon schrecklich viele Bücher geschrieben ;-)  

  • http://twitter.com/nandorr nandor

    Ja, Online-Diskurs, Online-Disput kann funktionieren!
    Wie üblich ist von allen Beteiligten ein bestimmte Rahmen zu akzeptieren:
    - Ohne Moderation geht es nicht”!
    - Klare Regeln zur Diskussion
    - Keine zu hoch gesteckten Ziele, sondern erreichbare Schritte definieren!
    - Verbindlichkeit einfordern
     
    Zu Online-Kursen gibt es ein Modell zur Entwickliúng der Zusammenarbeit, die “5 Steps” von Gilly Salmon.  Die Gruppenmittglieder müssen sich erst kennenlernen, vertrauen aufbauen, dann kann die Online-Zusammenarbeit (in der perfekten Phase) auch ohne Moderation auskommen. Wir sind aber nicht perfekt. Und bei offenen Plattformen ist jeder in einer anderen ohase der “Aklimatisierung”. Das macht es nicht leichter.

    Soll ein “Ergebnis” herauskommen, also eine Aktion oder Statement, dann geht es nicht ohne Moderation.

    • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

      Kling als Zusammenfassung erstmal gut. Wobei das “Vertrauen aufbauen” schon nach einer Herausforderung klingt – weil so etwas ja Zeit kostet.

      Wo kann man mehr über die “5 Steps” erfahren? (Laut Amazon hat Gilly Salmon schrecklich viele Bücher geschrieben ;-)  

  • Disqus Filter

    Wer sagt, dass man auf Online-Plattformen keinen echten (also unterstützende und allparteiliche) Moderatoren  einsetzen kann? Es gibt Beispiele. Beim Projekt des Bundespräsidenten (buergerforum2011.de) wurden sogar 100 Online-Moderatoren genau für diese Rolle geschult. Oder beim Online-Dialog hamburg-domplatz.de

    Was diese Ansätze jedoch von anderen Foren unterscheidet: Sie laufen sie ständig, sondern werden für ein bestimmtes Thema aufgesetzt, sie werden in einen Kontext eingebettet und sie haben eine Zielsetzung. Wie eine  gute Veranstaltung halt.

    • Hans Hagedorn

      Mein Name wurde von der Disqus-Kommentarfunktion geschreddert. Gruß, Hans Hagedorn

  • Disqus Filter

    Wer sagt, dass man auf Online-Plattformen keinen echten (also unterstützende und allparteiliche) Moderatoren  einsetzen kann? Es gibt Beispiele. Beim Projekt des Bundespräsidenten (buergerforum2011.de) wurden sogar 100 Online-Moderatoren genau für diese Rolle geschult. Oder beim Online-Dialog hamburg-domplatz.de

    Was diese Ansätze jedoch von anderen Foren unterscheidet: Sie laufen sie ständig, sondern werden für ein bestimmtes Thema aufgesetzt, sie werden in einen Kontext eingebettet und sie haben eine Zielsetzung. Wie eine  gute Veranstaltung halt.

    • Hans Hagedorn

      Mein Name wurde von der Disqus-Kommentarfunktion geschreddert. Gruß, Hans Hagedorn

  • http://nursokram.de/blog/ Mathies

    Ich sehe Diskutieren im Netz eher skeptisch und denke, dass die rein technischen Aspekte wie Text vs. Sprache bei Weitem unterschätzt werden. Vor einem Jahr habe ich meine Gedanken dazu mal aufgeschrieben: http://nursokram.de/blog/2010/09/es-liegt-mir-fern-dir-nah-zu-sein/

  • http://nursokram.de/blog/ Mathies

    Ich sehe Diskutieren im Netz eher skeptisch und denke, dass die rein technischen Aspekte wie Text vs. Sprache bei Weitem unterschätzt werden. Vor einem Jahr habe ich meine Gedanken dazu mal aufgeschrieben: http://nursokram.de/blog/2010/09/es-liegt-mir-fern-dir-nah-zu-sein/