Letzte Nacht habe ich eine Email von einer Bekannten erhalten, die ich jetzt seit knapp vier Jahren kenne. Wir sehen uns im Moment nicht mehr oft. Nur noch alle paar Wochen tauschen wir eine Email aus. Sie ist Halb-Libanesin; der Vater aus dem Libanon, Mutter Engländerin. Schon vor ein paar Wochen hatte sie mir von einem Abenteuer berichtet, als sie ihre Familie im Libanon besucht hat: Zusammen mit ein paar jungen Cousins hatte sie heimlich syrische Verwandte, die am Aufstand beteiligt sind, besucht.

Dieses Mal schrieb sie mir nun, dass drei dieser Verwandten – zwei Familienväter in den 40ern und ein junger Cousin, nicht mal 25 Jahre alt – jetzt tot sind. Sie wurden erschossen von der syrischen Armee. Das Haus, in dem sie selbst diese Männer ein paar Wochen zuvor getroffen hatte, ist eine Ruine. Ein Panzer ist einfach durch gefahren. Das alles war schon letzte Woche passiert, aber sie hatte es gerade eben erfahren.

Als ich das heute Morgen im Zug gelesen habe, hat mich das sehr bedrückt – und mir diesen Konflikt wieder vor Augen gezwungen. Ich kannte diese Männer nicht, aber … für einen Moment lang konnte ich ein Echo der Trauer, die meine Bekannte empfand, nachfühlen.

War das reale Trauer? Es war ja nur ein Brief, schlimmer: eine Email – und ein Bericht aus zweiter Hand.

Hinzu kommt: ich kenne diese Frau nur aus Second Life, einer virtuellen Welt. Sie ist ein Avatar. Wir haben eine Zeitlang viel miteinander gesprochen. Und doch kenne ich nur (?) den Namen und das Gesicht ihres Avatars.

Ist das nun eine reale Freundschaft? Und unsere Emails? Ist es ein Unterschied, ob ich eine Email von einem Menschen erhalte, dessen Körper ich nie gesehen habe, oder von einem Menschen dessen Identität in der physischen Realität ich kenne?

Was ist real? Und was bedeutet das für mich?

 

Bildquelle: Martin Gommel