Es gibt, glaube ich, bei vielen Menschen ein dumpfes Unbehagen darüber, welche Bedeutung die Parteien in den politischen Entscheidungsprozessen haben. Bei mir kommt dazu, dass es mir sehr schwer fällt, die Frustrationstoleranz zu verstehen, die politisch engagierte Menschen aufbringen müssen, wenn ihre Partei Positionen zur Durchsetzung verhilft, die sie eigentlich beim besten Wollen nicht mittragen können. Mir ist das erst gestern wieder einmal bei den Diskussionen auf Google+ aufgefallen.

Tatsächlich habe ich dann zwei politisch aktive Online-Bekannte, Nico Lumma und Martin Oetting dazu auch befragt.

Siehe https://plus.google.com/112554148723499466074/posts/XwYHvyvGWcz ;
die Antwort von Martin Oetting ist aufgrund einer Accountsperrung nicht mehr online

Ich meine das jetzt nicht abwertend, aber … mit den (Nicht-)Antworten der beiden war ich nicht gerade glücklich und auch nicht wirklich „schlauer als zuvor“. Politisches Engagement in Form von Parteiarbeit zum Ausdruck zu bringen, scheint für Manche selbstverständlich zu sein. Und was selbstverständlich ist, ist schwierig zu hinterfragen oder zu begründen. Das ist nichts Ungewöhnliches. Es geht letztendlich um Weltanschauung und um tief verwurzelte Glaubensmuster, wie sie jeder Mensch hat – und die umso stärker werden, mit je mehr Menschen man sie teil.

Aber auch die Glaubensmuster in einer Gesellschaft ändern sich ja von Zeit zu Zeit.

Ich frage mich, ob es wirklich keine veritablen Alternativen zur Parteien-Demokratie gibt. Ehrlich gesagt, frage ich mich sogar, wie man Parteistrukturen als nahezu alternativlos für die politische Willensbildung betrachten kann.

Ein Trend, der sich beispielsweise fast wir ein roter Faden durch die Management-Literatur der letzten Jahre zieht, ist eine Kritik an tief gestaffelten Hierarchien, an statischen Unternehmensstrukturen und „Linien-Organisationen“. Diese Strukturen hatten lange Zeit eine unbestreitbare Daseinsberechtigung, weil sie einfach die denkbar effizientesten Organisationsstrukturen für das Erreichen großer Ziele unter Einbeziehung großer Menschenmengen waren. Das aber hat sich mit dem Aufkommen moderner Kommunikationsmittel und dynamischerer Prozesse in der Wirtschaft geändert.

Viele von uns – gerade die, die ihre Berufung im Netz oder in kommunikationsorientierten Berufen gefunden haben – arbeiten meist in Projekt-Organisationen. Diese Projekte sind temporär und haben (hoffentlich) klare, sauber abgegrenzte Ziele. Den Teammitgliedern ist bewusst, dass, wenn diese Ziele erreicht sind, auch die Daseinsberechtigung des Projekts vorbei ist. Danach arbeitet man eben in neuen Konstellationen in anderen Projekten weiter. Oft arbeitet man sogar parallel in mehreren Projekten – was gelegentlich als stressig aber selten als „Interessenkonflikt“ oder Mangel an Loyalität empfunden wird. Warum sollte so etwas in politischen Prozessen nicht möglich sein?

 

Ein utopisches Modell

Wie könnte so etwas aussehen? Das ist nicht schwer zu beschreiben, weil es das alles in Unternehmen und auch anderen Organisationen schon gibt:

  • politische Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse wären „projekt-orientiert“ organisiert.
  • Politiker und politisch engagierte Menschen würden sich fallweise zusammenfinden und organisieren oder in Projektteams abgeordnet werden.
  • Projekte hätten eine Lebensdauer von Wochen, Monaten und manchmal Jahren. Sie wären stets begrenzt (zeitlich und in ihren Zielen).
  • Selbstverständlich gäbe es immer noch unterschiedliche Ansichten über die „richtige“ Lösung und wie sie zu erreichen ist. Aber das Teambuilding wäre nicht davon abhängig, welcher Partei man vor Jahren einmal beigetreten ist, sondern welche Überzeugungen man im konkreten Einzelfall hat.
  • Naturgemäß käme es häufig dazu, dass bei bestimmten Themengebieten die selben Menschen in mehreren, zeitgleich oder nacheinander existierenden Teams zusammenfinden.
  • Genauso wäre es aber möglich, dass ich heute mit Menschen in einem Team zusammenarbeite, die mir nächstes Jahr in einem „gegnerischen“ Team wieder begegnen.

Das heißt nicht zwangsläufig, dass das alles basisdemokratisch ablaufen muss. Vermutlich würde es Personen geben, die auch in diesen Teams die Willensbildung dominieren möchten. Vermutlich würden sich auch Spezialisierungen herausbilden: Menschen, die gut daran sind, komplexe Fragestellungen zu analysieren und in schlüssige Konzeptpapiere zu gießen. Andere, die gut in der Recherchearbeit sind. Projektmanager und Koordinatoren, Präsentatoren, die dicke Konzeptpapiere gut in knackige Thesen und Forderungen herunterbrechen können, etc. Aber diese Rollenverteilung müsste nicht einmal in jedem Projekt die selbe sein. Vielleicht bin in einem politischen Projekt, das sich für mein politisches Lebensziel einsetzt, der „Sprecher“, in einem anderen Analyst und Konzeptschreiber.

Eine solche Struktur würde repräsentative Strukturen nicht ausschließen. Abgeordnete könnte es immer noch geben. Aber sie wären nicht kanonisch an Fraktionsdisziplin gebunden – sondern „ihrem Gewissen verpflichtet“. Und sie wären eben auch Teil von Projektteams deren Sprecher sie manchmal – aber nicht zwangsläufig – wären.

 

Wer die heutige politische Landschaft sieht, mag das für utopisch bis absurd halten. Ich persönlich halte es für nicht weniger absurd, wenn ich sehe, wie CDU-Abgeordnete in Einzelfällen ganz offensichtlich Ansichten hegen, die mehrheitlich die SPD vertritt – und dann aber gemeinsam mit ihren Fraktionskollegen dagegen stimmen. Ich habe so etwas immer als schädlich für das Vertrauen in diese Volksvertreter empfunden und bin damit, glaube ich, nicht ganz allein.

 

Vermutlich sind das alles keine neuen Überlegungen und woanders schon viel eloquenter formuliert worden. Das macht sie hoffentlich nicht schlechter. Ich freue mich über jeden entsprechenden Hinweis und jede Kritik.

ACHTUNG: Abgrenzung

Was mir aber wichtig ist – weil ich schon auf entsprechende Missverständnisse gestossen bin: Ich will mit dieser rohen Beschreibung einer Idee keineswegs einer Stärkung plebiszitärer Elemente das Wort reden. Vermutlich wäre ein höheres Maß an Bürgerbeteiligung in projektorientierten Strukturen tatsächlich einfacher. Ob man sie aber zulässt und wer letztendlich an den relevanten Abstimmungen teilnimmt, ist aber eine ganze andere Frage. Dazu sage ich hier ganz bewusst nichts.

Ich bin auch nicht der Ansicht, dass dynamischere Strukturen in der politischen Willensbildung zwangsläufig zu Liquid Democracy oder zur öffentlichen Nutzung von Plattformen wie Adhocracy führen müssen. Auch Projektteams gab es ja schon, bevor es Wikis oder Shared Docs gab – selbst, wenn sich jüngere Menschen das kaum noch vorstellen können ;-) Und, selbst wenn ein Team ein Wiki einsetzt, muss das nicht zwangsläufig öffentlich einsehbar oder über jeden Internet-Zugang editierbar sein. Auch das sind Fragen, die getrennt diskutiert werden können und sollten.

 

Bildquelle: Wikimedia

  • Martin Lindner

    gefällt mir gut. das würde sich lohnen, näher anzuschauen, wie solche strukturen tatsächlich entwickelt werden könnten. (sicher ja nicht per ordre de mufti, top down.)

  • http://twitter.com/tweiss Thomas Weiss

    Bin noch nicht ins Detail Deines Textes gegangen (aber das kommt noch…) – ist es nicht so, dass ich bei einer Wahl immer nur ein denkbar großes Paket wählen kann, dem ich im Ganzen vielleicht nicht zustimmen will? Bei den Grünen geht Atomausstieg nicht ohne Pazifismus, bei den Liberalen Selbstbestimmung nicht ohne Klientelpolitik…

    Ich hörte vor Jahren im DLF einen Beitrag zu einem politischen System _ohne_ Parteien, aber mit Fachgremien und ausgewiesenen Experten, Ethik spielte in den politischen Prozessen auch eine große Rolle. Bei Wahlen kann ich Fachleuten meine Stimme  für bestimmte Themenkomplexe geben. Gibt auch einen Begriff dafür…

    Sorry, dass ich das hier so reinrotze.

    • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

      Genau darin sehe ich eine Schwäche des Prinzips der “Großen Volksparteien”. Als ihr Vorteil kann sicherlich “Stabilere Verhältnisse” genannt werden. Gesamtpakete wählen zu müssen ist aber zumindest ein Grund für das Gefühl “das kleinere Übel” wählen zu müssen – was sicherlich zu einem großen Teil der Politikverdrossenheit und Wahlmüdigkeit beiträgt.

  • http://schrotie.de schrotie

    Eine projektorientierte Legislative ist eines der zentralen Elemente von Extreme Governing, wie hier erläutert (englischer Original-Text hier). Ich bin der Überzeugung, dass dieser Ansatz zahlreiche Probleme unseres heutigen Systems lösen würde. Und ich glaube, dass wir mit Hilfe des Netzes heute damit anfangen können. Denn wir können eine Organisation bilden, die auf diese Weise “regiert” wird.

  • http://marrai.de Martin Raißle

    Ich glaube, dass ein großer Teil der inhaltlichen Arbeit bereits in Form von Projekten organisiert ist – nur dass die halt Gremien heißen. Das Hauptproblem ist allerdings, wie du völlig richtig schreibst, dass am Ende nach Fraktion und nicht nach eigener Meinung abgestimmt wird.

    • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

      Gremien sind keine “Teams”, @MartinRaißle. Soweit mein Verständnis der derzeitigen Prozesse geht (und das ist sicher begrenzt), sind “Gremien” eher feste Institutionen, keine immer wieder neu zusammen gestellten Teams für neue Fragestellungen zusammenfinden.

      Ähnliches gilt für die parlamentarischen Ausschüsse. Hier gibt es allerdings neben den ständigen auch solche, die für einzigartige Themen zusammengestellt werden. Diesen und den ständigen ist aber gemeinsam, dass sie mit Mitgliedern der verschiedenen Fraktionen zusammengesetzt werden, die im Sinne einer langfristigen Gesamtstrategie der jeweiligen Parteien gegeneinander arbeiten. Ich kann mir kaum vorstellen, wie da eine effektive Zusammenarbeit zustande kommen kann.

      • http://luebue.blogspot.com luebue

        Das stimmt nur halb – denn die Parteigremien sind faktisch oft wie Projekte organisiert, oft mit zufälliger und keineswegs über Wahlen legitimierter Zusammensetzung. Witzigerweise beschreibst du in Teilen genau das, wie sich Großstadt-Grüne organisieren. Dass du von zwei Sozis keine befriedigenden Antworten bekommst, ist ja klar, hihi.

        Diese Projektideen gab es in den meisten Parteien erstmals Ende der 80er Jahre. Das interessante ist, dass sich niemand von “draußen” dafür interessierte, projektweise was mitzubearbeiten.

        • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

          Aber sind die “Gremien” in einer Partei nicht _feste_ Institutionen @luebue:disqus ? Ich nehme an, es gibt, ähnlich wie bei den Bundestags-Ausschüssen auch “nicht-feste” Gremien? Allerdings sind sie ja in jedem Fall von Mitgliedern einer Partei bestückt. Was zumindest meine Intentionen angeht, wäre das schon ein Manko :) Mein Ideal wäre ja, dass sich Menschen zusammenfinden, die an der Sache interessiert sind, ähnliche Zielen/Überzeugungen in dieser Angelegenheit haben, aber nicht zwangsläufig immer den langfristigen strategischen Zielen einer Partei übereinstimmen. 
          Das “von draußen” da niemand groß mitmachen wollte, verwundert mich nicht. Erstens vermute ich, dass es auch in dem von mir vorgeschlagenen Modell nur wenige Menschen geben würde, die in solchen Teams mitmachen würden. Es gibt ja neben Politik noch mehr im Leben zu tun. Zweitens sind die, die sich politisch engagieren wollen, ja vermutlich schon in einer Parteiorganisation (der typischen Ausdrucksform politischen Engagements in unserer Gesellschaft) – entweder in deiner oder einer anderen (und in letzterem Fall melden sie sich vermutlich nicht zu einem Projekt der Grünen.) Drittens hätte ich wenig Lust, in einem ansonsten von Parteilern besetzten Team den Außenseiter zu geben. Wäre ein komisches Gefühl.

        • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

          Aber schau dir mal den Link von Schrotie an. Finde ich nicht unspannend:
          http://schrotie.de/extremeGoverning/en/sections/node26.html

  • http://luebue.blogspot.com luebue

    Aus der Sicht eines Mitglieds in einer Partei, die gerade dabei ist, die Partei, aus der du zwei Mitglieder befragt hast, als “Volkspartei” abzulösen, mache ich mir ja auch schon länger Gedanken, wie sich die Wirklichkeit auf Demokratie auswirkt. Gerade gestern habe ich was geschrieben dazu: http://www.haltungsturnen.de/2011/08/die-neue-volkspartei-erleben-und.html

  • http://twitter.com/Fail_a_lot Florian

    Ich denke, dass das was du dir da vorstellst schon gibt, nämlich Bürgerinitiativen auf kommunaler Ebene. Also zumindest könnte man diese Organisations- und Rechtsform für soetwas nutzen.  

    Leider werden Kommunen aber immer mehr geschwächt und können so gar nicht ihr politisches Potential entfalten. Ziel müsste es also schlicht sein, die Macht von oben nach unten zu verschieben, die Kommunen zu stärken und wirkliche legislative Rechte zu übertragen.

    • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

      Die Arbeit in Bürgerinitiativen ist strukturell sicherlich ähnlich angelegt wie in dem bei mir skizzierten Modell. Sie sind aber nicht – oder höchstens peripher – Bestandteil der verfassungsrechtlich definierten Formen der politischen Willensbildung und Entscheidungsfindung in unserem Land. Selbst, wenn eine Bürgerinitiative stimmige Vorschläge bzw. Forderungen entwickelt hat, ist sie derzeit nicht mehr als Bittsteller bei der gesetzlich legitimierten Legislative und Exekutive. 

  • http://substanz.davidherzog.ch David Herzog

    Die Schweizer Demokratie hat jahrzehntelang ohne Parteien funktioniert. Von der Gründung des Bundesstaates 1848 bis zur Gründung der ersten Partei (FDP, 1894) vergingen 46 Jahre, bis zur Gründung der zweiten Partei (KVP, 1912) weitere 18 Jahre. Fraktionen wurden 1878 und 1882 erstmals gebildet. Dies waren aber sehr lockere Zusammenschlüsse.
    Dies änderte sich erst 1919, als das Wahlsystem des Nationalrats von einer Personenwahl (Mehrheitswahl) in eine Listenwahl (Verhältniswahl) geändert wurde. Seither spielen Parteien und  Fraktionen eine wichtige Rolle, die aber längst nicht so wichtig ist wie in Deutschland. Es gibt noch heute in der Schweiz keinen Fraktionszwang, und die Parteien sind rechtlich gesehen normale Vereine ohne spezielle Rechte oder Pflichten.
    Natürlich versuchen die Parteien, bei Abstimmungen im Parlament Geschlossenheit zu erreichen. Abweichler sind aber an der Tagesordnung. Denn letztlich sind die Abgeordneten ihren Wählern in ihrem Kanton Rechenschaft schuldig, und nicht der Partei.
    In der kleinen Parlamentskammer, dem Ständerat, spielen die Parteien noch weniger eine Rolle. Dieser wird nach wie vor im Mehrheitswahlsystem gewählt. Es ist durchaus auch möglich, als Parteiloser in den Ständerat gewählt zu werden. Im Ständerat wird auch das Abstimmungsverhalten der einzelnen Abgeordneten nicht protokolliert, somit kann im Nachhinein gar nicht nachvollzogen werden, ob jemand gemäss der Parteilinie abgestimmt hat.

  • http://blog.mindlounge.de Alexander Rausch

    Eine Alternative hast du in deiner Utopie beschrieben und deiner Abgrenzung würde ich noch die Gefahr der Technokratie hinzufügen.
    Wenn nun die Sachthemen, wie von dir vorgeschlagen, angegangen würden und die Ergebnisse dann – ohne Rücksicht auf parteiliche oder lobbyistische Wünsche (…) – umgesetzt würden, dann frage ich mich ob wir die Parteien überhaupt noch brauchen.

    Was mir aber noch wichtiger erscheint ist die Frage nach den Machtstrukturen in einer solch umgesetzten Gesellschaftsstruktur: Denn wenn Parteien im klassischen Sinn obsolet würden, wie werden die Sitze dann verteilt?

    Die Romane von Suarez (Daemon, Darknet) http://www.faz.net/artikel/C30833/gespraech-mit-daniel-suarez-wir-werden-mit-system-erobert-30335671.html und auch der Link von Schrotie -  bei aller Kritik an verschiedenen Stellen, was aber diskussionswürdig wäre – könnten uns dabei helfen uns zu trauen “wirkliche” Alternativen zu denken…

  • Pingback: Americans elect – Politik, Bürgerbeteiligung und Gamification | intelligent gamification

  • Pingback: Ein Ansatz für Bürgerbeteiligung online – Americans elect | notizen aus der provinz