Im Nachgang zu den Morden von Oslo spielt das Thema “Sicherheit” schwups wieder eine große Rolle in vielen öffentlichen und privaten Diskussionen. Und nicht nur Herr Kauder findet, das Freiheit ein neumodisches Zeugs ist, dass man nicht zu ernst nehmen sollte, wenn es um Wichtigeres geht. Er teilt diese Ansicht durchaus mit vielen seine Mitbürger. Andere verzweifeln und verstehen nicht, wieso mit dem Argument “Sicherheit” scheinbar so einfach ist, rationales Denken auszuschalten. Die Antwort liegt in der Geschichte der Menschheit:

Das ist Evolution in Aktion.

Die Sehnsucht nach der Gewissheit, dass unser Leben auf ewig weitergehen wird – genau das ist ja “Sicherheit” – ist unglaublich tief in uns verankert. Das ist eng mit dem evolutionär basierten Überlebensdrang verknüpft. Diese Sehnsucht ist auch der Grund dafür, dass alle Gesellschaften tief in ihrem Kern konservativ sind. Und sie ist die Wurzel aller Religionen von den ersten Ritualen am flackernden Lagerfeuer bis zu den Websites der Transhumanisten unserer Zeit: Ewiges Leben, garantiert!

Das ist – unter evolutionären Gesichtspunkten – auch gut so, da es gut für das Überleben des Individuums und der Sippe (und somit der Gene) ist.

Da die Welt nicht statisch ist, muss es aber auch ein Korrektiv geben: Individuen, die dem Neuen nicht ängstlich gegenüber stehen, die “Sicherheit” schätzen, aber auch andere Antriebskräfte haben, die die Chancen des Neuen ausloten oder in neue Länder aufbrechen. Gäbe es die nicht, würde die Gesellschaft an einer veränderten Umwelt, in der die alten Wege “Dinge zu tun”, nicht mehr funktionieren, zerbrechen. Das ist ja auch einige Male in der Menschheitsgeschichte geschehen. Manchmal gelingt es den nicht-sicherheitsfixierten Spielkindern, ihre Gesellschaften zu retten, wenn die Umwelt sich ändert. Manchmal nicht. Dann gehen diese Gesellschaften unter und mit etwas Glück machen die Pioniere woanders weiter.

Solche Menschen werden aber immer nur eine Minderheit darstellen. Ansonsten würde die Gesellschaft ebenfalls zerbrechen; dieses Mal an der Zentrifugalkraft und den Konsequenzen zu vieler gescheiterter Experimente mit “Neuem”. Die Mehrheit muss immer konservativ und auf “Sicherheit” bedacht sein. Dieser Sicherheit wird sie vieles Andere unterordnen. Es gibt genügend Beispiele dafür, dass die meisten Menschen – egal, was sie dazu sagen – in ihrem Handeln Sicherheit und Bequemlichkeit weit vor “Freiheit” stellen.

Einige mögen das bedauern. Aber so sind Menschen gebaut. Kluge Populisten wissen das.

Bildquelle: CBS_Fan

  • http://twitter.com/sixtus Mario Sixtus

    Sie auch Howard Bloom, “The Global Brain”. Er spricht von “Konformitätsverstärkern” und “Diversitätsgeneratoren” und meint damit genau die beiden Menschentypen, die Du skizziert hast. Bloom entdeckt diese Funktionsträger in jedem dynamischen System, bis hinab zu Bakterienstämmen.

    • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

      Danke für den Tipp. Check ich. Es ist m.E. kein Wunder, dass Howard Bloom dies beiden Faktoren überall entdeckt. Ich bin ja bekennender Evolutions-Fan. Und was sich hinter diesen beiden Prinzipien versteckt, ist ja nichts anderes als die saubere Reproduktion des genetischen (memetischen) Codes und die Mutation.

      Und schon in der Evolutions-Biologie kann man beobachten, dass sowohl zu hohe als auch zu geringe Mutationsraten auf die Dauer schlecht für das Fortbestehen einer Spezies sind.

  • http://twitter.com/sixtus Mario Sixtus

    Siehe auch Howard Bloom, “The Global Brain”. Er spricht von “Konformitätsverstärkern” und “Diversitätsgeneratoren” und meint damit genau die beiden Menschentypen, die Du skizziert hast. Bloom entdeckt diese Funktionsträger in jedem dynamischen System, bis hinab zu Bakterienstämmen.

    • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

      Danke für den Tipp. Check ich. Es ist m.E. kein Wunder, dass Howard Bloom dies beiden Faktoren überall entdeckt. Ich bin ja bekennender Evolutions-Fan. Und was sich hinter diesen beiden Prinzipien versteckt, ist ja nichts anderes als die saubere Reproduktion des genetischen (memetischen) Codes und die Mutation.

      Und schon in der Evolutions-Biologie kann man beobachten, dass sowohl zu hohe als auch zu geringe Mutationsraten auf die Dauer schlecht für das Fortbestehen einer Spezies sind.

  • http://twitter.com/zeitweise Macm

    Ich stimme zu, dass eine Gesellschaft beide Gruppen braucht. Für mich wirft der Artikel die spannende Frage auf, wie groß wohl die Gruppe der Innovatoren ist und ob sie zu wenig Gehör findet oder im Gegenteil zu viel Macht hat. Was sozusagen ist die „richtige“ Dosis?

    • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

      Ich glaube nicht, das man die Frage, wie viele risikofreudige Spinner eine Gesellschaft braucht, einfach beantworten kann :) Leider …

      Wenn ich mir aber die Haltung der politischen, wirtschaftlichen und Kulturelite zu Innovationen ansehe (und das sind trotz aller Vorbehalte ja schon meinungsprägende Vorbilder), habe ich nicht das Gefühl, dass wir im Moment zuviel “Diversitätsgeneratoren” haben ;-)

  • http://twitter.com/zeitweise Macm

    Ich stimme zu, dass eine Gesellschaft beide Gruppen braucht. Für mich wirft der Artikel die spannende Frage auf, wie groß wohl die Gruppe der Innovatoren ist und ob sie zu wenig Gehör findet oder im Gegenteil zu viel Macht hat. Was sozusagen ist die „richtige“ Dosis?

    • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

      Ich glaube nicht, das man die Frage, wie viele risikofreudige Spinner eine Gesellschaft braucht, einfach beantworten kann :) Leider …

      Wenn ich mir aber die Haltung der politischen, wirtschaftlichen und Kulturelite zu Innovationen ansehe (und das sind trotz aller Vorbehalte ja schon meinungsprägende Vorbilder), habe ich nicht das Gefühl, dass wir im Moment zuviel “Diversitätsgeneratoren” haben ;-)