Gestern erschien ein interessanter Artikel in der Süddeutschen Zeitung: Google plant die Super-Datenbank. Die Autorin, Angelika Slavik, behauptet darin unter anderem:

Künftig sollen Werber bei Google Daten von Verbrauchern kaufen können, mit Name, Adresse und, vor allem, nach Interessen sortiert.

Der Orwell’sche Werbe-Überwachsungsstaat. Klar, Google, die fiese Datenkrake mal wieder am Werk. Wir wussten es doch schon immer. Und Google+, wie der Name schon sagt, ist noch schlimmer.

Darauf ging ein Aufschrei durch die Blogger/Twitter/Facebook/Google-Sphäre. Denn es ist natürlich Quatsch, dass Google (postalische) Adressen oder auch nur Namen zusammen mit diesen Daten verkaufen könnte – oder auch nur will. Wozu auch? Die Adresse hilft mir bei der Online-Werbung wenig. Trotzdem lief Hunderttausenden von Lesern dieses Artikels sicherlich ein kalter Schauer den Rücken herunter. Wie kann man nur so was machen/planen? Schrecklich dieses Internetz!

Tatsächlich kann man aber “so was” machen. Und es gibt allein in Deutschland Dutzende von Firmen, die das machen. Völlig legal. Adress- und Datenhandel ist tatsächlich längst ein Millardenmarkt.

Diese Firmen heißen beispielsweise Schober oder AZ Direkt. Und einige Töchter der Deutschen Post die großen deutschen Versandhändler und Verlage mischen ebenfalls in diesem Markt mit. Zitat aus einem Artikel der Wirtschaftswoche:

Die Schober Information Group aus dem schwäbischen Ditzingen, laut eigenen Angaben größter Spezialist für das Direktmarketing in Deutschland, verfügt unter anderem über 50 Millionen Privatadressen mit zehn Milliarden Zusatzinformationen, selektierbar nach Alter, Geschlecht, Kaufkraft oder sozialer Schicht.

Aber nicht nur das. Listbroker (eine Unterdisziplin des Adresshandels) liefern zu ausgewählten Adressen (auf Wunsch oft auch mit Telefonnummer) auch Spezialinteressen oder gar Kaufabsichten. Was damit möglich ist? Weiteres Zitat aus dem WiWo-Artikel (es kann aber auch jeder in den Online-Shops der Adresshändler selbst ausprobieren):

Nach wenigen Mausklicks liefert der Web-Shop [...] die gewünschten Daten. Demnach gibt es in ganz Nordrhein-Westfalen 203 Menschen, die stark an Oberklasse-Autos interessiert sind, über eine sehr hohe Kaufkraft verfügen und in exklusiven Häusern ab Baujahr 2001 wohnen. Kosten des kleinen, aber feinen Datenpakets: 304,50 Euro plus Mehrwertsteuer; pro Adresse 1,50 Euro netto

Ob das der Autorin des Süddeutsche-Artikels bewusst war, als sie ihren Text geschrieben hat? :)

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich habe keinesfalls vor, die Adresshändler zu dissen. Das ist ein völlig legitimes Geschäftsmodell und gerade in Deutschland auch ein sehr stark reglementiertes Geschäft, das aufmerksam von den Daten und Verbraucherschützern beobachtet wird.

Es wundert mich aber ganz ehrlich, mit welcher Art Panikmache Targeting-Projekte von Google und anderen Firmen in der Presse präsentiert werden – wobei es immer um anonyme Daten ohne Namen und Adressen geht – wenn der Handel mit “qualifizierten postalischen Adressen” gleichzeitig ein etabliertes Geschäft ist? Tatsächlich ist das ein Geschäft, in dem die Zeitungsverlage als Datenlieferanten heftigst mitmischen. Ein Schuft, wer hier Böses denkt …

  • http://twitter.com/FraMe Frank Meinholz

    “Nirgendwo bekommt man so gute Daten wie bei Facebook”, sagt ein Werber.
    “Da kann man die Zielgruppe bis ins kleinste Detail definieren lassen,
    das ist der Wahnsinn.”

    Wahnsinn mit was für fundiertem Hintergrundwissen dieser Bericht nur so nicht strotzt. Auch für eine amtliche Panikmache darf man sich ruhig etwas anstrengen.

  • http://twitter.com/FraMe Frank Meinholz

    “Nirgendwo bekommt man so gute Daten wie bei Facebook”, sagt ein Werber.
    “Da kann man die Zielgruppe bis ins kleinste Detail definieren lassen,
    das ist der Wahnsinn.”

    Wahnsinn mit was für fundiertem Hintergrundwissen dieser Bericht nur so nicht strotzt. Auch für eine amtliche Panikmache darf man sich ruhig etwas anstrengen.

  • http://twitter.com/FraMe Frank Meinholz

    “Nirgendwo bekommt man so gute Daten wie bei Facebook”, sagt ein Werber.
    “Da kann man die Zielgruppe bis ins kleinste Detail definieren lassen,
    das ist der Wahnsinn.”

    Wahnsinn mit was für Hintergrundwissen dieser Artikel nur so nicht strotzt. Auch für eine amtliche Panikmache darf man sich ruhig mal anstrengen.

    • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

      Yup, und wer Werbung mit Facebook-Anzeigen kennt, weiß, wie “gut” die Daten außerhalb der basalen soziodemographischen Angaben sind …

      In der aktuellen Stimmung ist Recherche – oder mal jemanden fragen, der was davon versteht – gar nicht nötig. Jeder Artikel mit einem Aufmacher wie “Skrupellose Datenkraken im Internet spähen wehrlose Bürger aus” garantiert Klicks/Leser. Besser ist vermutlich nur noch “was mit Kinderschändern” …

  • http://twitter.com/FraMe Frank Meinholz

    “Nirgendwo bekommt man so gute Daten wie bei Facebook”, sagt ein Werber.
    “Da kann man die Zielgruppe bis ins kleinste Detail definieren lassen,
    das ist der Wahnsinn.”

    Wahnsinn mit was für Hintergrundwissen dieser Artikel nur so nicht strotzt. Auch für eine amtliche Panikmache darf man sich ruhig mal anstrengen.

    • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

      Yup, und wer Werbung mit Facebook-Anzeigen kennt, weiß, wie “gut” die Daten außerhalb der basalen soziodemographischen Angaben sind …

      In der aktuellen Stimmung ist Recherche – oder mal jemanden fragen, der was davon versteht – gar nicht nötig. Jeder Artikel mit einem Aufmacher wie “Skrupellose Datenkraken im Internet spähen wehrlose Bürger aus” garantiert Klicks/Leser. Besser ist vermutlich nur noch “was mit Kinderschändern” …

  • http://twitter.com/RebeccaMaschke Rebecca Maschke

    Endlich eine praktische, informierte Meinung. Vielen Dank für diese Post! 

  • http://twitter.com/RebeccaMaschke Rebecca Maschke

    Endlich eine praktische, informierte Meinung. Vielen Dank für diese Post! 

  • PickiHH

    Ich muss Dir glaube ich nicht erklären, das “qualifizierte postalische Adresse” ein dehnbarer Begriff ist und nicht per se beinhaltet, das zu dieser Adresse, ein vollständiger Name, inklusive Interessenprofil gehört. Abgesehen von einer Permission. 

    Zudem bedeutet “etabliert” nicht automatisch “legal”. Aber das muss ich Dir ja auch nicht erkären. :)  

    • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

      Nein Picki, das musst du mir nicht erklären. Aber ich denke, auch dir muss ich nicht erklären, dass ich tatsächlich problemlos – und legal – Adressen kaufen kann, wie der oben zitierte Beitrag in der WiWo das beschrieben hat. Das sind verifizierte postalische Adressen mit einer Handvoll soziodemographischer Attribute UND ggf. auch konkreten Interessen. Die können – je nach gesuchtem Interesse – sehr teuer sein. Und alle großen Anbieter dürften auch immer in der Lage sein, dir die Permission dafür nachzuweisen, eine Permission, die wir beide in manchen Fällen als “auf wackligen Beinen” beschreiben würden. Aber .. sei’s drum. :)

      • PickiHH

        genau. So hat es ja Richard Gutjahr ausführlich beschrieben… :)  http://gutjahr.biz/blog/2011/07/otto-datenschutz/

  • PickiHH

    Ich muss Dir glaube ich nicht erklären, das “qualifizierte postalische Adresse” ein dehnbarer Begriff ist und nicht per se beinhaltet, das zu dieser Adresse, ein vollständiger Name, inklusive Interessenprofil gehört. Abgesehen von einer Permission. 

    Zudem bedeutet “etabliert” nicht automatisch “legal”. Aber das muss ich Dir ja auch nicht erkären. :)  

    • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

      Nein Picki, das musst du mir nicht erklären. Aber ich denke, auch dir muss ich nicht erklären, dass ich tatsächlich problemlos – und legal – Adressen kaufen kann, wie der oben zitierte Beitrag in der WiWo das beschrieben hat. Das sind verifizierte postalische Adressen mit einer Handvoll soziodemographischer Attribute UND ggf. auch konkreten Interessen. Die können – je nach gesuchtem Interesse – sehr teuer sein. Und alle großen Anbieter dürften auch immer in der Lage sein, dir die Permission dafür nachzuweisen, eine Permission, die wir beide in manchen Fällen als “auf wackligen Beinen” beschreiben würden. Aber .. sei’s drum. :)

      • PickiHH

        genau. So hat es ja Richard Gutjahr ausführlich beschrieben… :)  http://gutjahr.biz/blog/2011/07/otto-datenschutz/

  • Jens Kretschmann

    Aus Sicht des Konsumenten möchte ich einfach nur mal folgendes loswerden. Ich finde es gar nicht schlecht personenbezogene Angebote zu bekommen. Mich hat es schon als Kind begeistert, dass ich bei Anni Brand an der Wursttheke immer Scheibenwurst mit Pistazienstücken bekommen habe. Die mochte ich immer am Liebsten. Meine Schwester dagegen erhielt immer Sommerwurst. Die kannten uns halt und gaben uns das, was wir wollten.

    Das wird ja heute schon versucht. Mal ganz im Ernst. Die Art, wie es momentan umgesetzt wird sieht meistens scheiße aus, wirkt dilletantisch und kommt oftmals zu spät. Warum schlagen die mir immer noch Sneaker vor, die ich mir längst bestellt habe? Aber … WICHTIG: die Entwicklung lässt hoffen.

    Ich habe mir schon lange vorher überlegt, was ich aus meinem Leben preisgebe. Mit dem Rest soll die Industrie ruhig arbeiten  und wenn Unternehmen meine Daten nun gezielt einsetzen um mich an ein Produkt heranzuführen finde ich das gut. Es ist immer noch meine Entscheidung, ob ich es kaufe. Wenn Werbung irgendwann nicht mehr als Werbung, also als störend wahrgenommen wird, dann habe ich ein Bedürfnis weniger. Die Sehnsucht nach Ruhe!

    • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

      Danke, Kretsche, genau das ist der Beweggrund, warum ich mich mit “so etwas” wie Werbung und Personalisierung abgebe. Ich will, dass die Werbung, wenn man mir schon welche zeigen muss, relevant für mich ist. 

      So weit sind wir noch lange nicht. Leider. Das gerade dummes Retargeting, wie du es beschrieben hast, dass nicht schafft und nervig ist, ist stimmt. Aber ich denke, das werden wir besser hinkriegen. Nur, wenn die aktuelle Paranoia zu diesem Thema weiter anhält, werden wir beide weiterhin auch SUVs, Klopapier und Damenbinden angeboten bekommen – so flächendeckend und so oft wie möglich.

  • Jens Kretschmann

    Aus Sicht des Konsumenten möchte ich einfach nur mal folgendes loswerden. Ich finde es gar nicht schlecht personenbezogene Angebote zu bekommen. Mich hat es schon als Kind begeistert, dass ich bei Anni Brand an der Wursttheke immer Scheibenwurst mit Pistazienstücken bekommen habe. Die mochte ich immer am Liebsten. Meine Schwester dagegen erhielt immer Sommerwurst. Die kannten uns halt und gaben uns das, was wir wollten.

    Das wird ja heute schon versucht. Mal ganz im Ernst. Die Art, wie es momentan umgesetzt wird sieht meistens scheiße aus, wirkt dilletantisch und kommt oftmals zu spät. Warum schlagen die mir immer noch Sneaker vor, die ich mir längst bestellt habe? Aber … WICHTIG: die Entwicklung lässt hoffen.

    Ich habe mir schon lange vorher überlegt, was ich aus meinem Leben preisgebe. Mit dem Rest soll die Industrie ruhig arbeiten  und wenn Unternehmen meine Daten nun gezielt einsetzen um mich an ein Produkt heranzuführen finde ich das gut. Es ist immer noch meine Entscheidung, ob ich es kaufe. Wenn Werbung irgendwann nicht mehr als Werbung, also als störend wahrgenommen wird, dann habe ich ein Bedürfnis weniger. Die Sehnsucht nach Ruhe!

    • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

      Danke, Kretsche, genau das ist der Beweggrund, warum ich mich mit “so etwas” wie Werbung und Personalisierung abgebe. Ich will, dass die Werbung, wenn man mir schon welche zeigen muss, relevant für mich ist. 

      So weit sind wir noch lange nicht. Leider. Das gerade dummes Retargeting, wie du es beschrieben hast, dass nicht schafft und nervig ist, ist stimmt. Aber ich denke, das werden wir besser hinkriegen. Nur, wenn die aktuelle Paranoia zu diesem Thema weiter anhält, werden wir beide weiterhin auch SUVs, Klopapier und Damenbinden angeboten bekommen – so flächendeckend und so oft wie möglich.

  • Pingback: Von

  • https://www.xing.com/profile/Jens_Best jensbest

    Neben der spannenden inhaltlichen Diskussion hier und bei Knüwer würde mich folgendes interessieren:

    Wo hat dieser Journalist sein Handwerk gelernt?
    Welche Art von Qualifikation wurde von den Entscheidern geprüft?
    Gibt es ein “Qualitätsmanagement”, eine Endredaktion, ach was, wenigstens einen Fachjournalist-Kollegen, der mal gegenliest vor der Freischaltung?
    Wann wird dieser Journalist entlassen?
    Wie ist das Verhältnis von systemischer und individueller Dummheit in der Redaktion?

  • https://www.xing.com/profile/Jens_Best jensbest

    Neben der spannenden inhaltlichen Diskussion hier und bei Knüwer würde mich folgendes interessieren:

    Wo hat dieser Journalist sein Handwerk gelernt?
    Welche Art von Qualifikation wurde von den Entscheidern geprüft?
    Gibt es ein “Qualitätsmanagement”, eine Endredaktion, ach was, wenigstens einen Fachjournalist-Kollegen, der mal gegenliest vor der Freischaltung?
    Wann wird dieser Journalist entlassen?
    Wie ist das Verhältnis von systemischer und individueller Dummheit in der Redaktion?

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