Ich bin drin (Boris Becker/AOL)

Würde Boris Becker heute "Ich bin drin!" werben, würde er Facebook meinen. (Quelle: AOL)

Facebook schickt sich an, das Internet zu übernehmen. Hier kann man chatten, sich vernetzen, flirten, spielen (!), Bilder zeigen, Emails versenden, einkaufen und seit neuestem auch Filme ausleihen. Schon heute landen 25% der US-amerikanischen Page-Impressions auf Facebook-Seiten. Das sagt zumindest Hitwise. Andere Analytiker kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Wie präzise die Zahlen nun auch immer sein mögen, Tatsache ist, dass Facebook einen immer größeren Anteil an der Internet-Nutzung von großen Teilen der Menschheit beansprucht. Unschön an diesem großen Erfolg: Facebook ist ein “walled garden”, ein umzäunter Garten, in dem der Hausherr bestimmt, was passiert. Das widerspricht vielen der wichtigsten Prinzipien des Internets, die letztendlich auch für den durchschlagenden Erfolg dieses Mediums entscheidend waren. Walled Gardens sind OK, solange sie nicht zu groß werden. Aber Facebook ist zu groß. Man könnte auch sagen “Facebook schickt sich an, das Internet zu fressen.”

Meine eigene Facebook-Geschichte ist eine wechselhafte. Ich habe mir relativ früh einen Account zugelegt, den aber wenig genutzt, weil mir die Sinnhaftigkeit der Plattform in ihrer frühen Inkarnation nicht wirklich einleuchtete. Ich “netzwerke”, wenn überhaupt, nur beruflich, chatte nicht und flirte nicht. Dank laufender Verbesserungen gab es dann eine eher kurze Phase der intensiveren Nutzung als mehr Geschäftskontakte und meine Bloggerkollegen Facebook entdeckten. Heute bin ich eher selten in Facebook. Es ist ein zu großer Zeitfresser. Für meine eigenen Statusmeldungen nutze ich lieber Twitter, weil unverbindlicher und weniger ablenkend.

Unabhängig davon war ich stets von der ungemein erfolgreichen “Plattform Facebook” begeistert. Facebook hat unglaublich viel richtig gemacht – vor allem indem man anderen Entwicklern die Chance gegeben hat, in echter Win-Win-Manier von der Vernetzungsinfrastruktur zur profitieren. Wer sich wirklich fragt, warum Facebook alle StudiVZe dieser Welt platt macht, hat nicht verstanden, wie das “Prinzip Ökosystem” im Netz funktioniert.

 

Facebook ist überall … nicht nur auf Facebook

So weit so gut. Nun aber schickt sich dieses Ökosystem aber an, die ganze Welt einzuschließen. Das hat nicht allein mit der Beliebtheit der Facebook-eigenen (tatsächlich von anderen Facebookern kreierten) Inhalte zu tun. Facebook hat in den letzten zwei Jahren eine Menge fantastischer Services entwickelt, die eine große Anzahl anderer Websites tief durchdringen.

LIKE-Buttons von Facebook sind auf nahezu jeder Website zu finden – und sammeln fleißig Daten über jeden Anwender, der diese Seiten besucht.

Die Facebook-Authentifizierung erlaubt es, mich mit einem Mausklick bei vielen anderen Diensten anzumelden und erspart deren Anwendern somit, sich überall eigene Nutzerkonten anzulegen. Das ist extrem bequem (ITler nennen das Single-Sign-On) und informiert selbstverständlich auch Facebook über jede Benutzung dieser anderen Applikationen (anderer Anbieter). Und ohne Facebook kommt man an keinen dieser Dienste mehr ran.

Die Facebook-Email ist eine Erweiterung des Facebook-Messagings, die letztendlich dafür sorgen soll, dass alle Nachrichten, die ein Facebook-Anwender erhält, nach Facebook laufen – auch die, die er per Email erhält. Für begeisterte Facebook-Anwender ist das extrem praktisch. Sie haben Facebook sowieso den ganzen Tag im Browser geöffnet und brauchen nun nicht mehr zum Email-Programm zu wechseln.

Facebook-Kommentare sind der neueste “auswärts” gerichtete Service von Facebook. Damit können andere Websites, die eine Kommentar-Funktion anbieten, deren Verwaltung komplett an Facebook auslagern und zugleich die Menge an Pöbel-Kommentaren deutlich reduzieren. Tatsächlich finden diese Diskussionen dann sogar auf Facebook statt, die auf der eigentlich diskutierten Seite nur noch “eingeblendet” wird. Kein Zweifel, dass auch diese Funktion großen Zuspruch finden wird. In Deutschland setzt sie – wenige Tage nach dem Launch – schon der STERN ein.

Der mit Abstand größte Hosting-Service für Photos ist Facebook natürlich auch schon geraume Zeit. Und es wächst zu einem der größten Anbieter von Online-Werbung heran. Als Shop-Betreiber ist Facebook noch nicht groß, aber das ist sicher nur eine Frage der Zeit. :)

Und, ist das nicht alles nett und praktisch für die Nutzer dieser Services? Ja! Tatsächlich ist der große Erfolg von Facebook zu einem großen Teil der Tatsache geschuldet, dass alles so einfach und bequem ist. (Siehe auch Warum iTunes den Musikmarkt aufrollt). Das bringt auch Leute ins Internet, die sich dafür früher bestenfalls am Rande interessiert hätten. Wie sagte Sascha Lobo kürzlich? “jahrelang hat man sich gefragt, wann abgesehen von Mails und Online-Banking das Volk endlich wirklich im Internet ankommt. Und jetzt ist es da.”  Und wenn Boris Becker heute noch Werbung fürs Internet machen würde, bezöge sich sein “Ich bin drin!” sicherlich auf Facebook. Aber …

 

Ein Ring sie zu knechten …

Das aber ergibt sich, wenn man ein wenig länger über die Konsequenzen nachdenkt, die die Nutzung dieser Dienste mittelfristig hat. Durch alle diese netten Services – die wirklich gut sind und das Online-Leben einfacher machen – zieht Facebook Traffic auf seine Seiten. Gegebenenfalls wird der Traffic von dort wieder auf andere Web-Sites weiter gegeben – wovon Facebook jedesmal im Detail erfährt. Die Inhalte in den Kommentaren zu Websites liegen bald sogar originär auf Facebook. Genauso wie die Kommentare zu allen Statusposts auf Facebook selbst, Millionen von Bildern, “Fan-Pages” von Personen und Unternehmen etc. etc.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass Facebook sich per ToS (AGBs) an allen diesen Inhalten das einfache, übertragbare, kostenfreie Nutzungsrecht zusichert – auch ohne Zustimmung des Rechteinhabers. Zitat:

you grant us a non-exclusive, transferable, sub-licensable, royalty-free, worldwide license to use any IP content that you post on or in connection with Facebook (“IP License”)

Extrapolieren wir den aktuellen Trend nur ein, zwei Jahre, wird Facebook also in relativ kurzer Zeit erstens die Rechte an dem mit Abstand umfangreichsten Content-Pool im ganzen Internet besitzen und zweitens über einen großen Teil des Internet-Traffics, einschließlich der daraus resultierenden Verhaltensdaten gebieten.

Seitdem mir das klar geworden ist, sehe ich die aktuelle Unternehmensbewertung von Facebook (ca. 75 Milliarden US-Dollar) mit neuen Augen. Was nicht heißt, dass ich dem Unternehmen den wirtschaftlichen Erfolg missgönne. Aber möchte ich, dass eine einzelne Firma weite Teile der Internet-Nutzung von bald 1 Milliarde Menschen kontrolliert und protokolliert?

Mich erinnert das zum einen an das früher Internet und die damalige Positionierung von AOL (Der Gedanke ist nicht neu. Siehe Facebook Is AOLifying the Internet—and That Sucks oder Will Facebook Be the Next AOL aus 2009!). Und das fühlt sich gar nicht gut an. Es gibt kaum Zweifel, dass die kreative Explosion des Internets – und damit meine ich vor allem unternehmerische Kreativität – erst beginnen konnte, als die Anbieter und Nutzer sich von AOL lösten.

Jede Person oder Firma, die einen Dienst von Facebook als integralen Bestandteil der eigenen Online-Aktivitäten nutzt oder gar ein Geschäft auf Facebook aufbaut, muss sich darüber im klaren sein, dass Facebook diesen Zugang jederzeit sperren oder die Geschäftsgrundlage ändern kann. Siehe den Fall Facebook vs. Zynga. Das ist selbstverständlich immer so, wenn man sein Geschäft auf der Plattform eines anderen Unternehmens aufbaut. Das gilt zum Beispiel genauso für iPhone Apps. Aber es ist besonders gefährlich, wenn es zu einer Plattform keine Alternativen gibt. Und Facebook ist – wenn es diese Position nicht schon erreicht hat – auf gutem Weg, nahezu alternativlos zu werden. Es gibt kein Android zu Facebook.

Mir fällt in diesem Zusammenhang immer wieder das Thema-Gedicht aus dem Herrn der Ringe ein:

Drei Ringe den Elbenkönigen hoch im Licht,
Sieben den Zwergenherrschern in ihren Hallen aus Stein,
Den Sterblichen, ewig dem Tode verfallen, neun,
Einer dem Dunklen Herrn auf dunklem Thron
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.
Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.

Nein, natürlich ist Mark Zuckerberg kein finsterer Sauron, der andere Menschen versklaven oder ersatzweise töten möchte. Aber die Dienste, die Facebook anbietet, und die die Sterblichen gerne in Anspruch nehmen, könnten dazu führen, dass ihnen weit mehr Freiheiten verloren gehen, als sie heute ahnen.

Aber ist Facebook nicht total offen?

Ich hatte gestern eine kurze Twitter-Diskussion zu diesem Thema mit Marcel Weiß (Autor des hervorragenden Blogs Neunetz.com) der meine Einstellung zum Thema “Facebook – Die Dunkle Bedrohung” gar nicht nachvollziehen kann. Er findet es auch unberechtigt, dass man Facebook als Walled Garden betrachted, wo Facebook doch so viele offene Schnittstellen hat. Ich habe mir daraufhin, diese Schnittstellen einmal in Ruhe angesehen und muss sagen … Ich bin begeistert! Als Informatiker und Möchtegern-Hacker bin ich schwer beeindruckt, wie speziell die Graph API konzipiert und implementiert ist. Mein ganzer Social Graph, alle Freunde, Likes, Kommentare, Gruppenzugehörigkeiten, Bilder, Apps … alles, was der Herz begehrt, kann hier abgegriffen und ggf. geändert werden. Alles wird sehr sauber und stringent präsentiert und ist durch ein ordentliches Rechtesystem abgesichert.

Aber das macht Facebook nicht “offen”

Selbstverständlich brauche ich zum Zugriff auf diese APIs “Schlüssel” und muss mich mit einem Account authentifizieren. Zugriff habe ich dann, wie es sich gehört, nur auf die Daten, die ich auch als der entsprechende User im Web sehen könnte. Die Schlüssel gibt Facebook freizügig an jeden interessierten Entwickler. Sie können aber auch jederzeit wieder zurückgezogen werden. Genau das ist letzten November passiert, als Facebook Google daran gehindert hat, Kontaktdaten aus Facebook-Accounts zu importieren. Es geht mir hier nicht darum, Partei für eine Seite zu ergreifen (wie Marcel vermutet hat). Sowohl Google als auch Facebook verwenden angreifbare Gründe für ihr Verhalten.

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, dass Google viele (ansonsten öffentliche) Inhalte in Facebook nicht indexieren kann/darf. Bing darf das. Facebook sieht in Google einen gefährlicheren Konkurrenten als in Microsoft :)

Auch Zynga musste die Macht von Facebook ein paar Monate vorher merken, als Facebook die Spielefirma zwang, alle Zahlungen über das eigene Payment-System abzuwickeln (abzüglich 30%) – wie es Apple auch im Appstore tut. Ansonsten hätte Facebook den Farmville-Erfinder einfach von seiner Plattform runtergeschmissen.

Was alle diese Fälle klar machen, ist, dass Facebook seine Geschäftsinteressen verteidigt und auch nicht mehr “offen” ist, wenn diese bedroht sind. Dabei hat Facebook (oder Apple mit dem AppStore) in dieser Hinsicht nichts Illegales getan. Und dieses Geschäftsgebahren wäre auch kein großes Problem, wenn der Wettbewerb funktionieren würde. Aber – siehe oben – zu Facebook gibt es in vielen Fällen keine wirklichen Alternativen oder wird es bald nicht mehr geben. Der Netzwerkeffekt ist einfach schon zu stark. Und die Politik? Facebook kann man nicht regulieren!

Vielleicht bin ich da zu pessimistisch, aber ich sehe für die kommenden Jahre ein Facebook-Internet kommen, das vielleicht nicht allumfassend ist, aber für viele Menschen das Internet-Erlebnis prägen wird. Und diese Idee gefällt mir – unabhängig von meiner Meinung zu den Funktionalitäten von Facebook selbst – gar nicht. Andererseits bleibt mir die tröstliche Gewissheit, dass eine solche Herrschaft niemals ewig andauert. Auch Facebook wird irgendwann absteigen – aufgrund seiner eigenen Größe und dem unvermeidlichen Bemühen, immer weiter zu wachsen, immer mehr einzuschließen. Bis dahin aber stehen uns spannende und für manchen sicher auch frustrierende Zeiten bevor.

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  • Andreas

    Dazu das hier…
    Süddeutsche Zeitung, 10.1.2011
     
    “… Der IT-Branchen-Blog Business Insider weist auf Aussagen Zuckerbergs (Facebook) hin, nach denen das Rezept der in Form einer Umsatzbeteiligung kostenpflichtige Zugang ausgewählter anderer Anbieter zu diesen (Facebook) Nutzern wäre, basierend auf einer präzisen Auswertung von deren Interaktion. ….”
     
    “Seit Monaten tingelt Jonathan Chang, der in der Datenforschungsabteilung von Facebook arbeitet, mit der Botschaft über wissenschaftliche Kongresse, das Facebook die größte Datensammlung angelegt habe – mehr als ein Petabyte – die der Sozialforschung (oder der gezielten Werbung, Anm. von mir) je zur Verfügung gestanden hat.
    Der amerikanische Philosophieprofessor Anthony F. Beavers zitiert Chang mit den Worten: “Ist es nicht cool, dass wir die politischen Neigungen jedes Einzelnen in unserem Datensatz von 500 Millionen Personen kennen? “”
     
    “… Kennen führt vielleicht etwas zu weit, aber zumindest kann sich Facebook dazu wohl bei jedem Benutzer eine begründete Vorhersage zutrauen. Über Schlüsselwörter in den Statusmeldungen, über Vernetzung mit anderen Nutzern, deren politische Einstellungen bekannt sind, und die Identifikation von Meinungsführern lassen sich Muster erkennen und statistisch begründbar Aussagen treffen. …”

    • http://notizen.steingrau.de Markus Breuer

      Schöner ergänzender Beitrag zum “Phänomen Facebook”. Danke.

      >> Kennen führt vielleicht etwas zu weit …
      Das würde ich gerne relativieren. Sicherlich wird Facebook nicht in jedem Einzelfall Aussagen zur politischen Gesinnung eines Mitglieds mit hinreichend hoher “Konfidenz” treffen können. Wie verschiedene Experimente zu diesem Thema aber schon gezeugt haben, ist grundsätzlich die Trefferquote hinsichtlich heikler Attribute wie politischer Einstellung und sexuellen Präferenzen extrem hoch. Gleich und gleich gesellt sich gern. …

      Das ist es aber nicht unbedingt, was ich an Facebook kritisiere. Diese Art von Analysen sind völlig unvermedlich sobald Ansichten und Kontaktbeziehungen digital abgelegt sind. Dieser Dämon kann und wird niemals zurück in die Büchse der Pandora springen.

      Was mir Sorgen macht, ist lediglich (?) die Tatsachen dass ein Unternehmen quasi monopolistisch über einen großen Teil dieser Daten herrscht und den Zugang zu ihnen nach Opportunitätsüberlegungen kontrolliert.

      Was mich an Ihrem Kommentar schmunzeln lässt, ist die angedeutete Implikation, dass es etwas Schlimmer wäre, wenn man diese Daten für gezielte Werbung verwendet. Ich denke, damit würde niemandem ein großer Schaden zugefügt, oder welcher wäre das genau? ;-)