In den letzten Tagen war bei den Online-Bekannten, deren Äußerungen per Blog und Twitter ich so folge, eine wachsende Verwirrung und Verzweiflung in Sachen Karl-Theodor von und zu Guttenberg zu spüren. Wie ist es möglich, dass ein ertappter Schummler und Lügner eine solche Fangemeinde mobilisieren kann? Wie kann es sein, dass andere Menschen, die man kennt und schätzt, seine Lügen als Petitesse abtun und keinerlei Zweifel an seiner Eignung als Bundesminister haben? Und wie kann es sein, dass die Bewertung dieser Causa quer durch politische Lager so unterschiedlich ausfällt, dass konservative Kommentatoren seinen Rücktritt fordern und SPD-Wähler ihn begeistert unterstützen? Die Erklärung dafür ist mir auch schwer gefallen, aber sie liegt eigentlich auf der Hand. Sie hat viel damit zu tun, welche Art Führer sich “die Menschen da draußen im Lande” heute wünschen. Und wer das nicht versteht, versteht nicht, wie Politik Anfang des 21. Jahrhunderts funktioniert; in Deutschland und anderswo.
Schein und Sein
Freiherr von und zu Guttenberg (der Jüngere) ist ein Phänomen: in nicht einmal 10 Jahren hat er eine kometenhafte Karriere in der deutschen Politik hingelegt und wird nun – noch keine 40 – als potentieller Bundeskanzler gehandelt. Wer sich seinen Werdegang etwas genauer ansieht, wird feststellen, dass er in keiner seiner bisherigen Positionen in der Partei oder in einem öffentlichen Amt nennenswertes bewegt hat – trotzdem sehen in seine Fans als pragmatischen und erfolgreichen Machertyp. Seine Ansichten und Überzeugungen können sich in wenigen Monaten – manchmal Wochen – ändern, trotzdem halten ihn die meisten Menschen im Lande für gradlinig und konsequent. Er ist Karrierepolitiker ohne berufliche Erfahrungen oder gar Meriten vor Beginn seiner Politkarriere und tritt doch überzeugend als Anti-Politiker auf. Er hat beim Erwerb des einzigen selbst-”erarbeiteten” Titels, den er tragen darf, geschummelt und gelogen und doch ist er Deutschlands beliebtester Politiker. Würden wir in Deutschland den Bundeskanzler direkt wählen, bekäme er vermutlich aus dem Stand eine absolute Mehrheit.
Wie kann das sein?
Der Grund dafür liegt auf der Hand: Menschen treffen Entscheidungen (und Bewertungen anderen Menschen gehören dazu) nicht rational sondern intuitiv. Sie lieben Guttenberg und wünschen sich jemanden wie ihn als Führer. Wen wir lieben, dem verzeihen wir “kleine Fehler” – und welche Fehler “klein” sind, entscheidet unser Herz, nicht unser Hirn. Geliebt wird Guttenberg, weil er die Wünsche der Menschen nach Einfachheit in einer immer komplexeren Welt bedient und zugleich die “ich bin wie ihr” Karte erfolgreich spielt. Dass er bei einem Betrug erwischt wurde, das zugibt und dann lässig abperlen lässt, macht ihn sogar noch sympathischer.
Denn … die Mehrheit der Menschen bricht immer wieder einmal Regeln, Gesetze oder moralische Vorschriften. Es ist aber unangenehm sich deshalb als schlechter Mensch zu fühlen. Das Argument “Aber das tun doch Alle” entwertet die Regel, verniedlicht den Gesetzesbruch und lässt einen wieder gut schlafen. Steuerhinterziehung und Versicherungsbetrug, Geschwindigkeitsübertretungen, Fahren unter Alkohol etc. sind hier die Klassiker. Das Phänomen lässt sich gut bei Kindern beobachten. Macht man sie auf einen Regelbruch aufmerksam, ist die beliebteste Verteidigung auf jemand anderen zu verweisen, der entweder die selbe Regel gebrochen oder etwas “noch viel schlimmeres” getan hat.
Gutti hat geschummelt? Geil, dann brauche ich mich auch nicht mehr zu schämen.
Politiker wie du und ich
In vergangenen Epochen war es in einer Vielzahl von Kulturen üblich, die politische Führerschaft zu verklären, zu idealisieren. Das gehörte zur Legitimation von Führung. Könige und der Adel waren selbstverständlich etwas “Besseres”. Aber auch im 20. Jahrhundert gehörte es zum Idealbild des politischen Führers dazu, moralisch, intellektuell, vielleicht monetär und von der Bildung her “über dem Volk” zu stehen. Das ist vorbei. Man kann geteilter Meinung darüber sein, ob es gesellschaftliche Klassen gibt. Zu den nahezu universellen Grundsätzen der westlichen Kultur gehört die Überzeugung, dass es sie nicht geben darf. Unsere Kultur ist in weiten Bereichen anti-elitär und anti-intellektuell. Wer das nicht kapiert, wird öffentlich nur schwer reüssieren können.
Die Angriffe von Berufsintellektuellen machen von und zu Guttenberg deshalb nur stärker. Dann die haben “die Menschen da draußen” eh gefressen. Wer seine Intelligenz oder seine Bildung, moralischen Anspruch oder auch nur die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung raushängen lässt, macht sich in weiten Kreisen des Volkes schnell unbeliebt.
Erfolgreiche Politiker haben das gelernt. Sie kennen die Gefahr, sich durch “Herausragen” von ihrem Wahlvolk zu entfremden und verstehen es, sich als Mann/Frau des Volkes zu präsentieren. Es kann dabei unvermeidliche Brüche geben, die mit Geld und Prestige zu tun haben. Diese können aber durch Angleichung in Details überbrückt werden: Marotten, volkstümlicher Geschmack bei Essen, Trinken, Freizeitgestaltung und Medienkonsum. Siehe auch Gerhard Schröders gelegentlich etwas prolliges Gehabe – auch noch, als er längst Brioni trug.
So ist der moderne, populistische Politiker kein Vorbild mehr, dem es nachzueifern gilt sondern die Bestätigung, dass man so, wie man ist … OK ist! Und das macht beliebt, nicht nur in Deutschland.
Beispiel Berlusconi
Ein schönes Beispiel ist Herr Berlusconi. Jeder weiß zwar, dass der nur mit Bestechung, Günstlingswirtschaft – und eventuell Schlimmerem – an der Macht bleiben konnte, und ein schmuddeliger alter Lustmolch ist, der sich gerne kleine Mädchen zuführen lässt. Aber das tut seiner Beliebtheit im italienischen Wahlvolk nicht wirklich weh. Dazu trägt nicht nur bei, dass er die italienischen Medien kontrolliert.
Tatsächlich ist es ja so, dass in vielen Kulturen auf der Welt schwierig ist, ohne Bestechungen und Günstlingswirtschaft Erfolg zu haben (Italien gehört wohl leider dazu). Und, dass alte Männer gelegentlich einen lächerlichen Hang zu jungen Mädchen haben, ist nichts Neues. Wenn Berlusconi die entsprechenden Straftaten begeht, legitimiert er damit die Träume – und gelegentlich Taten – seiner Wähler.
Beispiel Sarah Palin
Sarah Palin – vermutlich irgendwann einmal Präsidentschaftskandidatin in den USA – ist nicht wirklich dumm – aber sicherlich keine intellektuelle Überfliegerin und nach allem, was man über ihre Äußerungen so liest, sicherlich nicht mit großem Allgemeinwissen beschlagen. Wer sich über ihre Versprecher und ihr Halbwissen mokiert, versteht nicht, wie das bei ihren Anhängern ankommt.
Viele Amerikaner haben Mühe, Nordamerika auf dem Globus zu finden, geschweige denn Libyen. Wer sie auf ihre mangelnde Allgemeinbildung aufmerksam macht, wird keine Sympathien ernten, sondern vehementen Widerspruch. Und sie sehen sich angegriffen, wenn jemand solche Schwächen bei Sarah Palin angreift – eine von ihnen! Dass Palin, die “guten alten Werte” hochhält, inklusive Enthaltsamkeit vor der Ehe und strenge Erziehung, selbst aber eine Tochter hat, die als Kind schwanger wurde … who cares? So etwas passiert auch in den Familien ihrer Wähler – und macht sie nur sympathischer.
Gegenbeispiel Margot Käßmann
Das “ein gutes Vorbild sein” beim Volk nur noch schwer vermittelt werden kann, zeigt der Fall Margot Käßmann aus dem letzten Jahr. Die trat zügig von ihrem Posten als EKD-Ratsvorsitzende zurück, nachdem sie volltrunken am Steuer eines Autos angetroffen wurde. Ihre politischen Gegner fanden das toll, einige Feuilletonisten auch, aber viele “Menschen draußen im Lande” hielten das schon für ein bisschen übertrieben.
Sollte ihr Rücktritt etwa andeuten, dass sie es tatsächlich für verwerflich hielt, volltrunken Auto zu fahren. Unangenehme Idee. Als Politikerin hätte sie sich mit einem solch “vorwurfsvollen” Verhalten disqualifiziert.
von und zu Guttenberg als Ideal des zeitgemäßen Politikers
Ich will nun “Gutti” nicht mit Berlusconi gleich setzen. Aber die Mechanismen, die ihm oder Politikern wie Sarah Palin (oder George W. Bush) zu anhaltender Beliebtheit und quasi Unangreifbarkeit verholfen haben, sind ähnliche. Er ist das Ideal eines zeitgemäßen Politikers. Man hätte ihn am Reißbrett kaum besser entwerfen können. Na, ja, vielleicht ohne adelige Herkunft (siehe Elite) und eine Kleinigkeit weniger arrogant. Aber der Rest ist schon perfekt. Politiker dieser Ausprägung werden in den kommenden Jahren immer mehr Erfolg haben.
Darüber kann man lange lamentieren. Es bringt aber nichts. Die politische Kultur hat sich nun einmal gewandelt und ich denke nicht, dass sich diese Entwicklung mit flammenden Leitartikeln (oder gar Blogposts) umkehren lassen wird.
In eigener Sache: Ein paar Stunden, nachdem ich diesen Post online gestellt hatte, kommentierte bei mir Max Steinbeis, Autor des renommierten verfassungsblog.de und machte mich dezent darauf aufmerksam, dass ich doch bitte auf meine Quellen hinweisen möge. Ich war zunächst etwas verwundert, suchte daraufhin aber den verfassungsblog.de auf und fand sofort einen Artikel namens Guttenberg und das anti-elitäre Ticket. In diesem Artikel wird der Ansatz “politischer Erfolg durch anti-elitäres, anti-intellektuelles Image” ähnlich wie in meinem Text verfolgt und es werden auch die Beispiele Palin, Berlusconi und Bush erwähnt. Das ist kein Zufall. Zwar ist die Kraft des anti-intellektuellen Habitus andernorts schon länger für Protagonisten wie Bush und Palin postuliert worden. Die Idee, Guttenberg hier einzureihen habe ich aber scheinbar tatsächlich diesem Artikel entnommen, den ich, soweit ich das heute nachvollziehen kann, am 21.2.2011 gelesen habe. Ob man mir das nun glauben mag oder nicht: ich war mir dieser Tatsache beim Schreiben meines eigenen Textes in den frühen Morgenstunden des 24.2. nicht bewußt. Das ist – gerade in diesem Kontext – selbstverständlich extrem peinlich und der GAU an sich. Ich hoffe, dass es einigermaßen plausibel ist, dass ich das nicht absichtlich und/oder bewußt gemacht habe. Als erfahrener Internetti ist mir natürlich klar, dass so etwas im Zeitalter von Google, Facebook und Twitter auffallen MUSS. Ich habe mich umgehend bei Max Steinbeis entschuldigt und ihm auch die Löschung dieses Artikels angeboten. Das wollte er nicht, weshalb ich ihn hier – auch als mahnendes Beispiel für mich selbst – stehen lasse.





Pingback: mediaclinique | ralf schwartz
Pingback: Geständnis: Ich bin Guttenbergs Ghostwriter!