Wann immer Menschen in Diskussionen Moral und Ethik erwähnen – insbesondere ihre eigenen ethischen Wertvorstellungen – dann tun sie das typischerweise mit Absolutheitsanspruch. Das gilt auch und vor allem für durchaus gebildete Menschen, die die “Werte der Aufklärung” hochhalten. Mich irritiert das immer etwas. Selbstverständlich stimme ich der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen zu. Aber diese Menschenrechte und andere heute allgemein anerkannten gesellschaftliche Normen galten nicht immer und sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht für alle Zukunft gelten. Einige der großen Denker, auf die wir uns im Rahmen der “Christlich-Abendländischen Kultur” berufen, fanden Sklavenhaltung völlig OK, vielen wäre eine klassenlose Gesellschaft unnatürlich vorgekommen und die allermeisten hätten nicht im Traum daran gedacht, Mann und Frau als gleichberechtigt anzusehen. Um nur mal ein paar Beispiele zu nennen …

Meine eigene Ansicht zu dem Thema habe ich kürzlich in einem kleinen Zitat sehr treffend wiedergegeben gefunden:

The sublime mental activities, such as religion, altruism and morality, all evolved, and have a physical base.

Edward 0. Wilson, “On Human Nature”

Edward Wilson war ein amerikanischer Forscher (u.a. Biologe mit Spezialgebiet Ameisenkunde :) und Publizist. Ein so guter Publizist, dass er zweimal einen Pulitzer-Preis erhalten hat, übrigens. Er hat u.a. viel über Soziobiologie geschrieben (den Begriff tatsächlich popularisiert), ein Feld, das durch Neonazis und Rassisten in Verruf geraten ist, das aber viele gute Verhaltensmodelle produziert hat – für Tiere wie für Menschen.

Soziobiologische Modelle sind recht gut in der Lage, auch die meisten Aspekte des menschlichen Sozialverhaltens zu erklären. Es geht dabei am Ende immer um das Überleben und die Weitergabe der Gene. Das können die eigenen Gene sein, die meiner Nachkommen oder meiner Familie oder die einer größeren Gruppe, die mit mir genetisch (oder auch memetisch) verwandt ist. Das, was wir für gottgebene (oder von gottähnlichen Geistesgrößen erkannte) ewig-gültige moralisch/ethische Prinzipien halten, sind einfach Verhaltensweisen, die sich für das Überleben der eigenen Nachkommenschaft und der Stammesgemeinschaft als nützlich erwiesen haben.

Ändert sich die Umwelt oder ändern sich die technologischen oder ökonomischen Grundlagen einer menschlichen Gemeinschaft, ändern sich die gesellschaftlichen Normen. Aber in jedem Zeitalter der Menschheitsgeschichte und jeder Kultur hielten zumindest weite Teile der jeweiligen Gesellschaften die gerade gültigen Wertvorstellungen für gottgegeben, selbstverständlich und “ewige Werte”. Das stimmte natürlich nicht, wie wir heute “wissen”. Aber gerade heute soll diese Annahme – selbstverständlich nur für die Werte der europäisch/amerikanisch geprägten Kultur – gelten? Putzige Vorstellung irgendwie, oder?

Nein, auch unser Wertekanon wird sich ändern. Vielleicht wird dereinst die Unversehrtheit der persönlichen Daten allgemein als schutzwürdig anerkannt sein oder Geheimniskrämerei moralisch verwerflich. Wer weiß …

  • http://twitter.com/alsowirklich Also Wirklich

    Soziobiologie. Oft nützlich, da mal rein zu schauen. Auch meine Meinung.

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