Viele Verleger sehen Steve Jobs bzw. seine letzte Schöpfung ja als eine Art Rettung ihrer Branche an. Zumindest scheint es bei denen, die sich als innovativ oder zumindest „wegweisend“ empfinden, zum guten Ton zu gehören, jetzt zügig einen oder mehrere Titel in App-Form vorzulegen. In den letzten Tagen machten nahezu zeitgleich mindestens zwei solcher Projekte von sich reden: Murdochs geplanter Daily (frisch verschoben ins neue Jahr) und Richard Bransons Project Magazin. Letzteres lag dann tatsächlich auch gestern Morgen im App-Store und ich habe es mir mal spontan gegönnt.

Project for iPad - Cover

Das Fazit habe ich einmal in der Überschrift vorweg genommen: das Ding ist keine Offenbarung. Es ist nicht schlecht – deutlich besser als das ebenfalls kürzlich erschienene Oprah-Magazin – bietet aber keine wirklichen Neuerungen. Und es ist ja durchaus nicht so, dass iPad-Magazine schon perfekt wären …

Im Grunde ist Bransons Project ein eMag, das mehr als deutlich von WIRED inspiriert wurde. Das Ganze kommt inhaltlich bemüht cool daher – ohne die Coolness und den Witz von WIRED wirklich zu erreichen. Videoseiten im Vollformat spielen eine etwas größere Rolle als in den bisherigen WIRED-Ausgaben und sind tatsächlich originell gemacht. Ansonsten …

Das Handling entspricht nahezu eins zu eins der WIRED-Mechanik: horizontales Wischen blättert von Thema zu Thema. Vertikales Wischen blättert innerhalb eines längeren Textes zur nächsten Seite. Alle Seiten liegen in einem horizontalen und vertikalen Layout vor, wie sich das gehört. Und ein Tippen am unteren Bildrand blendet eine Reihe von Steuerungs-Buttons ein, die unter anderem zum Inhaltsverzeichnis, zum Cover und zu einem Magazin-Blog führen. Leider teilt Project mit WIRED eine unangenehme Gemeinsamkeit: beim Weiterblättern muss man darauf achten, nicht zu schräg mit dem Finger zu wischen. Ansonsten geht’s nicht voran.

Die große Anzahl der Ähnlichkeiten lässt vermuten, dass die selbe Basis-Technologie verwendet wurde (Adobes Publishing-Plattform für das iPad auf Basis von InDesign). Das ist nichts grundsätzlich Schlechtes – wie auch die vielen Ähnlichkeiten mit WIRED. Standards machen das Leben ja leichter.

Branson's Project - MenüsDas auffälligste, wirklich neue Element ist ein Slide-In-Menü, das zu jeder Seite weiter führende Links bereit hält. Das sind mal zwei, mal drei mal fünf; im Allgemeinen auf jeden Fall mehr als bei WIRED. Ein Share-Menü gibt es auch, das allerdings auf Emails beschränkt ist. Facebook oder Twitter gibt es für Project nicht . Die Empfehlung per Email hat allerdings einen wirklich netten Aspekt: der Anfang des aktuellen Artikels wird als Bild eingebettet. Das sieht schon sehr beeindruckend aus.

Ansonsten nichts Neues …

Ein großkotziges Statement wie Richard Branson’s 10 Life Lessons wird da schon ein bisschen ironisch, wenn dort steht:

There is no one to follow, there is nothing to copy.

Das hat mich deshalb so enttäuscht – wie diesen Zeilen sicherlich unschwer zu entnehmen ist – da ich zwar wirklich gerne Magazin auf dem iPad lese, bislang aber mit keinem zu auch nur 80% zufrieden wäre. Das manuelle Handling ist bei keinem iPad-Magazin wirklich perfekt und in manchen Aspekten oft noch non-intuitiv. Und die Vernetzung mit dem Web, die mir persönlich schon sehr wichtig ist, kann bestenfalls als „frühe Beta“ bezeichnet werden. Da gibt es noch deutlich „Luft nach oben“. Branson’s Project hat diesen Raum leider nicht genutzt.