Deutschland und das Internet, das ist eine lange, komplizierte Beziehung. Denn, obwohl wir uns hier gerne mit dem Begriff des Technologie-Standorts schmücken, meinen wir damit vorwiegend Technologien, die 100 Jahre alt oder älter sind (wie zum Beispiel den Automobilbau) und die Mehrheit der Bevölkerung steht wirklich Neuem sehr, sehr skeptisch und ängstlich gegenüber. Bei vielen Kenngrößen hinsichtlich Internet-Akzeptanz liegt Deutschland beispielsweise weit hinter den USA, Asien und auch europäischen Nachbarn zurück. Und das ist kein Wunder. In weiten Bereichen der Bevölkerung ist das Internet ein Ort, wo sich Kinderschänder und Bombenbauer tummeln und wo man höchstens – unter größten Vorsichtsmaßnahmen – ein bisschen Online-Banking machen sollte, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Aber Grunde ist das alles sehr gefährlich, eigentlich überflüssig und bedroht Alles, was uns lieb und teuer ist.

Die aktuelle Debatte um Google Streetview macht das wieder einmal überdeutlich: unser Politiker (aller Couleur) überschlagen sich mit Beschimpfungen wieder das gottlose Tun von Google (die wollen damit “Profite machen”!) und Empfehlungen, wie man sich schützen kann. Es gibt einen regelrechten Wettlauf daran, welcher Polit-Promi als Erste/r sein/ihr Haus aus Streetview herauspixeln lässt. Putzig. Fünfzehn Jahre lang ist unsere politische Elite mehrheitlich davon überzeugt, dass das Internet mehr oder weniger irrelevant ist und nun, da sich das als Irrtum herausstellt, wird es vorwiegend als Bedrohung gesehen.

Ich denke, dass dieses Verhalten auch Teil unseres nationalen Charakters ist. Grundsätzlich ist die Mehrheit der Menschen ja eher konservativ. In Michels Deutschland kommt aber noch etwas dazu: wir verherrlichen und idealisieren die Vergangenheit.

Spielkinder gegen blasierte Elite

Übertrieben gesagt, könnte man formulieren, dass es auf der Welt zwei Arten von Kulturen (oder Subkulturen darin) gibt:

  • solche, in denen es die Menschen mit Stolz erfüllt, der/die Erste zu sein, der/die etwas “Neues” macht oder besitzt. Das Neue ist per se erst einmal “gut”.
  • solche, in denen es die Menschen mit Stolz erfüllt, zu den Letzten zu gehören, die etwas nach alter Väter Sitte tun. Das Neue ist per se erst einmal “schlecht” und überflüssig. Und man schaut sich lange, sehr genau und skeptisch an, um es dann vielleicht mürrisch zu akzeptieren.

Das sind nicht immer ganze Nationen oder Kontinente, die so denken. Denkungsart No.2 ist sicherlich weltweit bei den alten Eliten vieler Nationen anzutreffen (zumindest im Privatleben und gesellschaftlichen Auftreten). Es ist quasi die Karikatur des englischen Adels, der in hochwertiger, aber alter, abgetragener Kleidung auf die Fuchsjagt geht (wobei “abgetragen” natürlich edle Patina ist) – weil man es in der Familie seit 12 Generationen so zu tun pflegt.

Die guten (alten) Dinge … vs. Gadgets

Diese Einstellung ist teilweise auch die Wurzel der Freude an alten Autos und an teuren mechanischen Uhren. Sie ist auch zentrale Marketingaussage eines der erfolgreichsten Newscomer im deutschen Versandhaus-Markt des letzten Jahrzehnts: Manufactum (Motto: “Es gibt sie noch, die guten (alten) Dinge”).

Wobei es auch mir immer Freude macht, im Manufactum-Katalog zu schwelgen. Nur ehrlich gesagt: einige der dort in wirklich wunderschöner Prosa angepriesenen Artikel sind einfach (hochwertiger) teurer Schrott. Es gibt inzwischen weitaus bessere Lösungen/Produkte für die entsprechenden Anwendungsfälle, die preiswerter, haltbarer etc. sind. Einige vielleicht sogar “ökologischer”. Aber sie wecken nicht das schöne “die guten alten Dinge”-Gefühl.

Umgekehrt gibt es die Spielkinder in vielen Nationen bei den Nerds/Geeks, oft jungen Menschen (viel jungen Männern). Das sind auch in Deutschland die Gadget-Freaks, die sich über das erste Notebook mit DVD, einen besonders winzigen MP3-Player irgendetwas neues, cooles, kleines, elektronisches, das noch kein anderer hat. Oder Menschen, die jedes Jahr eine neue Zeitplanungsmethode ausprobieren, total begeistert sind – und die teuren Bücher, Unterlagen, Planungsbücher und Prgramme nach einem halben Jahr wegwerfen. Kindisch, nicht? Ja!

Innovationsfreude der “Eliten” – oder nicht

Neben diesen Subkulturen innerhalb bestehender Gesellschaften gibt es aber schon gewisse Tendenzen, die die gesamte Nation (oder Kultur über Landesgrenzen hinweg) prägen. wie verhält sich die Mehrheit der Bevölkerung, wie die “Eliten”, wie die Vorbilder (unterschiedlicher Art), zu denen die Leute wirklich aufblicken – nicht allein die Celebrities. Wenn ein Vorstandsvorsitzender, ein bekannter Wissenschaftler, ein “ernsthafter” Autor, ein elder Statesman etc. von einem Journalisten besucht wird und ihm etwas zeigt, auf das er besonders stolz ist. Ist das ein neuer Laptop, ein Mobiltelefon oder die  wertvolle alte Taschenuhr, die schon dem Großvater gehörte?

Ich denke, dass in Deutschland die Wahrscheinlichkeit für die Taschenuhr (oder vergleichbare Reliquien) relativ hoch ist und in Südchina oder Korea eine recht hohe Wahrscheinlichkeit für Handy, iPad oder ein anderes Gadget besteht. Das will ich nicht zu hart werten. Ich kann mich für beides begeistern. Aber, wenn der Rückblick zur Gewohnheit wird und das Alte verklärt wird – man denke nur an die Unsummen, die in Europa für die Restauration entzückender alter Gebäude in den Innenstädten ausgegeben werden (in die dann hinterher McDonalds, Douglas, H&M oder eine Bäckereikette einzieht) – kann der Blick für neue Möglichkeiten verstellt werden. Und das mag sich als fatal erweisen.

Ändere dich, probier etwas aus, tue etwas, passe dich an … soooonst ….

Es ist – mal wieder – eine biologische Metapher: Solange sich die Welt nicht ändert, mag eine Tierart sehr erfolgreich sein. Wenn sich die Welt aber ändert, muss sie sich anpassen. Das geschieht durch Mutation, kleine Änderungen von Generation zu Generation. Viele dieser Änderungen erweisen sich als “nicht besser” oder sind sogar von Nachteil. Aber einige bieten in der geänderten Umwelt Vorteile und setzen sich nach Generation zu Generation durch. Die Spezies überlebt und gedeiht vielleicht sogar mehr als vorher.

Ändert sich eine Spezies nicht, macht sie keine Experimente, versucht sie nicht Neues (oder zu langsam; weil sie beispielsweise einen langen Generationenzyklus hat), schrumpft die Population und vielleicht stirbt diese Spezies einfach aus.

Ich denke und befürchte, das ist mit Gesellschaften, Nationen, Kulturen nicht anders.

Und nebenbei bemerkt: ab und an mal etwas Neues ausprobieren, macht Spaß. Echt! Und manchmal ist “das Neue” gar nicht wirklich so schlecht.

Posted via email from _notizen

  • http://Wir-sprechen-Online.com Gerrit Eicker

    Lovely…
    und passend dazu die aktuellen, ersten Ergebnisse aus der ARD/ZDF-Onlinestudie für 2010: “Die Zuwachszahlen für Web-2.0-Anwendungen fallen geringer aus als in den Vorjahren. Auch sinkt das Interesse an aktiver Teilhabe an Blogs, twitter & co. vor allem bei der jüngeren und mittleren Generation. Das “Mitmach-Netz” bleibt so weiterhin beschränkt auf eine kleine Gruppe von Aktiven, die publizieren und kommunizieren, was von vielen abgerufen wird.” http://ARD-ZDF-Onlinestudie.de

  • Alex

    Es kam eine Zeit in der einige wenige Tiere begannen mühsam den Baum zu erklimmen um die frischen Früchte zu fressen. Viele aber trauten sich nicht den Baum zu erklimmen und begnügten sich mit den alten faulen Früchten am Boden.

    Die Evolution geht weiter nur das wir mit unserer Einstellung in Deutschland schnell zu einem verendendem Seitenarm der Evolution werden können und bereits vom Hauptarm abgebogen sind.

  • Alex

    Es kam eine Zeit in der einige wenige Tiere begannen mühsam den Baum zu erklimmen um die frischen Früchte zu fressen. Viele aber trauten sich nicht den Baum zu erklimmen und begnügten sich mit den alten faulen Früchten am Boden.

    Die Evolution geht weiter nur das wir mit unserer Einstellung in Deutschland schnell zu einem verendendem Seitenarm der Evolution werden können und bereits vom Hauptarm abgebogen sind.