Nach all dem Buzz, den die Vorstellung von Google’s Buzz gestern Abend generiert hat (auch mal wieder ein schönes Beispiel für ‘social media engineering’) habe ich nicht wirklich viel Zeit gehabt, das sacken zu lassen und drüber nachzudenken. Zudem läuft Buzz derzeit witzigerweise nur auf meinen iPhone und nicht auf dem Notebook, was die Möglichkeiten zum Damit-Herumspielen doch arg eingeschränkt hat.

Trotzdem ein paar erste Gedanken dazu (der Fachausdruck für diesen Drang lautet Logorrhoe = Sprachdurchfall; ein krankhaftes Bedürfnis, sich mitzuteilen):

Ich bin mir aktuell nicht wirklich sicher, ob Buzz nun wie eine Rakete abgehen wird, oder ein Slow-burner wird. Die Wahrscheinlichkeit für einen echten Rohrkrepierer ist m.E. gering.

Was für den Erfolg von Buzz spricht

Auf der Plus-Seite für Buzz steht eindeutig die elegante Integration in die GMail-Infrastruktur. Die Übergänge zwischen Email, IM und Twitter sind fließend. Und für viele Menschen wäre der Einstieg in die Twitter-ähnliche Kommunikation sicherlich einfacher, wenn sie das Alles von ihrer Inbox aus managen können – die kennen sie, hier fühlen sie sich zu Hause. Ob das nicht schnell irritierend wird, wenn man ständig zwischen seine EMails diese Nachrichten findet … muss man sehen.

Buzz handled längere Posts, Bilder, Videos, Anhänge deutlich besser, als alles, was ich bislang “rund um Twitter” gesehen habe und tut das zudem ohne Rückgriff auf URL-Shortener. Alles das habe ich mir von Twitter bereits lange Zeit gewünscht.

Buzz integriert recht elegant echte “Public Posts” (öffentliche “Bekanntmachungen”) mit solchen an ausgewählte Personen und eingeschränkte Personenkreise.

Sehr gut sieht auch die Integration in die mobile Welt aus. Google hat Buzz von vornherein mit einem sehr guten Mobile Client ausgestattet (in HTML5, was bedeutet, dass das Teil von Anfang an und ohne ‘App’ auf iPhone – und iPad – Android und künftigen HTML5-basierten mobilen Browsern läuft. Clever!) Angesichts der Tatsache, dass Twittern schon heute eine stark “mobile” Angelegenheit ist, ist das clever.

Das ganze Thema Location-Awareness ist ebenfalls sehr gut integriert. Services, wie sie Foursquare, Gowalla und Yelp bieten, lassen sich so leicht ergänzen oder sind durch die gute Integration mit Maps schon vorhanden. Weitere Services müssen nicht einmal von Google selbst kommen. Dank einer von Anfang an reichhaltigen API sehe ich hier einige Chancen für Third Party Entwickler.

Was ich am interessantesten – und vielleicht ein echtes Killerfeature – finde, ist Buzz’s Filter- und Vorschlagswesen. Irgendwo habe ich den Namen “Social Curation” dafür gelesen. Mal sehen, ob sich der durchsetzt ;-) Auch das muss ich noch ausprobieren aber ich denke, so etwas ist in vielen Bereichen von “Sozial Media” dringend notwenig um der Flut von eingehenden Nachrichten Herr zu werden.

Es gibt noch eine Menge mehr schöne Features, aber die erscheinen mir in vielen Fällen sehr speziell. ich habe mich hier mal auf die Dinge konzentriert, die m.E. die große Menge der non-techie Anwender ansprechen könnten.

Was gegen einen schnellen Erfolg von Buzz spricht

Es gibt auf den ersten Blick nicht viel, was Google mit Buzz falsch macht. Aber ein paar Aspekte geben mir doch zu denken:

Das Social Web ist ein Herdenphänomen. Und GMail ist zwar groß aber kein universeller Email-Service. Wenn ich nicht gerade ein Online-Freak bin, wird nicht jeder meiner Freunde und Kollegen einen Google-Account haben. Und der Anmelde-Vorgang bei GMail sieht schon sehr … professionell aus – bei weitem nicht so simpel wie bei Twitter, Foursquare o.ä. Kombiniert mit Googles schlechtem Ruf, was das Thema Datenschutz angeht (egal ob berechtigt oder unberechtigt), dürfte das zu Akzeptanzproblemen in manchen Zielgruppen führen.

Was meine leichte Skepsis gegenüber Buzz im Moment aber am stärksten befeuert, ist … das es so viel richtig macht und so viele Features beinhaltet. Die Google-Entwickler haben sich zwar offensichtlich sehr viel Mühe gegeben, das Alles möglichst elegant in GMail (und Google Profiles) zu integrieren. Aber in Summe hat das Teil doch eine – für manchen – bedrückende Komplexität.

Zumindest einer der Gründe für Twitters großen Erfolg ist seine extreme Simplizität. Twitter hat nicht viele Features – deshalb muss man nicht viel verstehen und kann nicht viel falsch machen. Die Twitter -Entwickler waren sehr, sehr, sehr vorsichtig damit, neue Features zu ergänzen. Gruppen und das neue re-tweeten sind sehr sanft eingeführt worden und … ich nutze diese Features bis heute nicht oder kaum.

Twitter ist einfach wie SMS auf einem Mobiltelefon. GMail entwickelt sich zu einem Schweizer Offiziersmesser, das es bald mit Outlook aufnehmen wird – keine Vorstellung, die mich uneingeschränkt positiv stimmt.

Witzig daran ist – für mich ganz persönlich – dass ich erklärter Fan sowohl von Apple als auch von Google bin. Und je deutlicher der direkte Wettbewerb zwischen diesen beiden Firmen wird, so unterschiedlich sind in einigen Bereichen die Ansätze. Google setzt auf mehr, mehr, mehr – und macht das echt gut! Apple setzt auf die Reduktion auf das Wesentliche – und hat damit auch einen Riesenerfolg.

Zusammenfassend:

Ich finde Buzz gut und werde es sicherlich nutzen – parallel und in Kombination mit Twitter, Yammer und Email. Buzz wird sicherlich auch Druck auf die Wettbewerber ausüben, ihre Feature-Sets zu überdenken und an den Integration mit anderen Diensten zu arbeiten. Facebook steht da ganz vorne und wird die Integration mit FriendFeed jetzt rascher vorantreiben. Das ist gut und wir Anwender werden davon profitieren.

Ob und wie schnell Buzz breite Akzeptanz außerhalb der heute schon überzeugten GMail-Anwender findet, wird man abwarten müssen.

Im Gegensatz zu einigen Headlines, die man in den letzten 3 Tagen lesen konnte, glaube ich nicht, das Buzz ein Twitter-Killer sein wird.

  • http://www.uebersetzungsschmiede.de/ Nicole

    Für mich ist Buzz eine zusätzliche Möglichkeit, die twitter ergänzt, nicht ersetzt. Mir gefällts jedenfalls. Vielen Dank für Deine Gegenüberstellung!