Wenn ich mir so die aktuelle "Bericht"-Erstattung anlässlich der Neuvorstellung des Apple iPad ansehe – und da gibt es viel zu sehen – dominiert Enttäuschung und Kritik. Daneben gibt es ein paar positive Äußerungen von den "üblichen Verdächtigen" – wie mir. 😉

Ist das Teil wirklich so schlecht? Ein zweiter Newton? Zum Untergang verdammt?

Ich glaube nicht. Zumindest erscheint es mir deutlich verfrüht, ein solches Urteil zu fällen, wenn man den iPad – in den allermeisten Fällen – nicht einmal in der Hand gehalten hat und vor allem nicht weiß, wie der Markt – also die Leute, die es wirklich kaufen (oder nicht) – darauf reagieren werden. Wer sich die um scheinbare Objektivität bemühten Beiträge viele Techblogger anschaut und versucht, die Gemeinsamkeiten zu identifizieren, wird m.E. zwei Grund-Tenore entdecken:

  • Enttäuschte Liebe
  • Mangelnde Vorstellungskraft

Enttäuschte Liebe
ist bei vielen Tech-Journalisten zu beobachten, die von Hause aus Apple-freundlich eingestellt oder gar Apple-Fans sind. Die meisten dieser Leute haben große Hoffnungen in das iPad gesetzt, hatten sich aber mehr oder weniger ein MacBook mit abgesägter Tastatur gewünscht. Das Steve Jobs stattdessen ein aufgeblasenes iPhone präsentiert hat, hat sie tief enttäuscht. Mit dieser Erwartungshaltung sind leider nur zwei Probleme verbunden:

1.) ein MacBook als Tablet ist derzeit technisch nicht (oder nicht zu vertretbaren Kosten) machbar. Die Rechenleistung eines guten Notebooks mit dem Formfaktor des iPads (oder des MacBook Bildschirms) und einer Akkulaufzeit von mehr als 1 Stunde zu kombinieren, ist nicht möglich.

2.) Ob es Sinn macht, die Benutzeroberfläche und die Applikationen eines Desktop-Betriebssystems auf einen Rechner ohne Maus und Tastatur zu portieren, möchte ich zumindest stark bezweifeln. Das ist der Ansatz, den Microsoft seit rund 10 Jahren verfolgt, und die Resultate haben mich bislang nicht überzeugen können – und ich habe es wirklich und zu hohen Kosten versucht. Von einem sehr erfolgreichen touch-basierten Smartphone auszugehen, um davon einen touch-basierten iPad zu entwickeln halte ich für gar keine blöde Idee. 

Mangelnde Vorstellungskraft
… und es tut mir leid, dass ich keine weniger despektierliche Formulierung gefunden habe. Ich meine das gar nicht abfällig. Es geht hier um die Vorstellungskraft, die nötig ist, sich klar zu werden, dass vielleicht, neben den Produktkategorien, die ich schon kenne, andere sinnvoll und erfolgreich sein mögen. Wer sich einige "Mängellisten", die derzeit gerne geschrieben werden, anschaut, wird feststellen, dass dem iPad immer wiede vorgeworfen wird, nicht die Eigenschaften eines Mobiltelefons zu haben, oder – häufiger – kein guter Notebook-PC zu sein. Natürlich kann man diese Vorwürfe erheben … aber sie machen ungefähr so viel Sinn, wie einem 2,8 Tonnen Transporter vorzuwerfen, dass er kein schnelles Cabrio oder kein Sattelschlepper ist.

Was Apple mit dem iPad versucht, ist, eine weitere Gerätekategorie zu etablieren, die viele zwischen Smartphone und Notebook ansiedeln würden. Ich würde sie allerdings nicht dazwischen sondern "daneben" sehen 😉 Nicht mehr und nicht weniger. Das verlangt umdenken – und das scheint einigen Kritikern nicht leicht zu fallen.

Ob es gelingt, diese Gerätekategorie zu etablieren, ob hier ein echter Bedarf da ist, darüber kann man diskutieren. Sicher ist es nicht. Ich selbst glaube, dass dieser Bedarf da ist, wachsen und dazu führen wird, dass Geräte mit diesem Formfaktor in wenigen Jahren eine der dominanten Formen der Interaktion mit PCs und Internet darstellen werden. Das ist eine Ansicht. Nur die Zukunft kann zeigen, ob sie stimmt.

Die Freiheitskämpfer
Ach ja, eine Kategorie von kritischen Beiträgen habe ich noch vergessen: die Freiheitskämpfer, die dem iPad vorwerfen, ein geschlossenes System zu sein und daraus entweder schließen, dass "so etwas" keinen Erfolg haben wird oder den Untergang des Abendlandes erwarten, wenn es Erfolg hat. Beides erscheint mir übertrieben. Ich finde es aber in jedem Fall putzig, diese Kritik bei einem Apple-Produkt vorzubringen, denn … das ist der Kern von Apple. Seit Steve Jobs die Entwicklung des Macintosh geleitet hat, macht er kein Geheimnis daraus, dass er "Appliances" entwickeln will. Geräte, von der Einfachheit eines Toasters, die der Anwender einschaltet und benutzt  – und nicht aufschraubt und darin rumbastelt (im direkten oder übertragenen Sinne). Schon der allererste Mac konnte deshalb nur mit zwei Spezialwerkzeugen geöffnet werden, über die anfänglich nur Apple-Händler verfügten.

Ob der Ansatz "Appliance" der richtige Weg bei der Entwicklung von Geräten wie MP3-Playern, Telephonen oder PCs ist, darüber kann man lange trefflich streiten. Dieser Weg hat Vor- und Nachteile. Und es ist nun mal der Apple-Weg. Und so ganz erfolglos war das Unternehmen damit ja bislang nicht …

Posted via email from _notizen

2 Responses to Die iPad-Kontroverse – Enttäuschte Liebe und mehr

  1. Tim Cole says:

    Gesucht: ein neuer Name für den Apple iPad!
    Leider ist der Name ja bereits von Fujitsu und anderen markenrechtlich geschützt. Apple muss also ganz von vorne anfangen. Helfen Sie ihnen! Großes Czyslansky-Preissausschreiben mit schönen Preisen! http://www.czyslansky.net/?p=2624

  2. Super Idee mit dem Preisausschreiben, aber ‘rest assured’: Apple wird den Namen garantiert nicht ändern, sondern sich einfach mit Fujitsu einigen. So was kostet nur ein bisschen Geld und davon hat Apple genug.

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