OK, OK. Es ist eventuell etwas verfrüht, eine Bewertung für ein Gerät abzugeben, dass man noch nie in der Hand gehalten hat … so etwas schreckt aber nur kleine Geister. ;-) Ich habe nun mal das dringende Bedürfnis, meinen Gefühlen Ausdruck zu geben.

Und die sind gemischt. Was kein Wunder ist, denn der nahezu unglaubliche Hype in den letzten Wochen hat die Erwartungshaltung extrem hoch gepusht. Trotzdem, die ersten Bilder, als Steve vom Berge herabstieg und die Tafel hochhielt, haben auch unerfreuliche Gefühle bei mir verursacht. Deshalb hier mal schnell die m.E. positiven und negativen Aspekte:

Negativ

  • Design: Zuviel “Rand”:
    Das war echt bitter. Designmäßig ist das iPad sicherlich nicht schlecht. Es ist sogar von allen Geräten mit Tablet-Formfaktor, die ich bislang gesehen habe, das beste Design. Aber … das ist ein Apple Produkt! Grmbl. Der extrem breite Rand stört mich einfach ästhetisch und ich kann mir das nicht ausreden. Das Teil sähe doppelt so cool aus, wenn der schwarze Rahmen um den Screen weg (oder max. 0,5cm – 1cm breit) wäre.
  • Betrieb alter Apps:
    Schön, das es geht – hätte aber auch niemand anders erwartet – aber nicht besonders elegant gelöst. Besonders der Pixel-Double-Modus sieht lächerlich aus (noch mehr schwarzer Rand). Aber das wird ein vorübergehendes Phänomen sein. Ich denke, bevor das iPad auf den Deutschen Markt kommt, werden alle spannenden Apps für das Ding optimiert werden.
  • Kein Flash:
    Ich kann Apple’s strategischen Ansatz hinter dieser Entscheidung verstehen. Und auf dem iPhone habe ich Flash nie wirklich vermisst. Aber auf dem iPad ist das anders. Mit dem Ding könnte ich JEDE Web-Seite sinnvoll nutzen – aber nicht, wenn sie Flash enthält. Andererseits: vielleicht ist das ein weiterer Push hin zu mehr standardskonformen Lösungen ;-) Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass viele Video-Sites in einem Jahr Alternativen zu Flash-Video anbieten werden.
  • Keine Kamera:
    Schade. Ich könnte mir das iPhone gut als Videokonferenz-System vorstellen. Und es wäre eine phantastische Plattform für Augmented-Reality-Anwendungen. Beides sind aber nicht gerade Killerapplikationen. Und als Fotoapparat ist es eh ein bisschen groß ;-)
  • Kein Multitasking:
    Viel gehört gestern Abend, fällt für mich aber in die Kategorie “Couldn’t care less.”
    Auch das iPad bearbeitet (wie das iPhone) primär immer nur ein Programm gleichzeitig. Applikationen können nicht “im Hintergrund” lange Berechnungen ablaufen lassen oder einen großen Download ziehen, während der Anwender im Vordergrund seine Emails bearbeitet. Zumindest sieht das so aus. Hinter den Kulissen laufen eine Menge Prozesse parallel. Das ist eine erzwungene Einschränkung. Das Betriebssystem des iPhone ist multitaskingfähig. Apple’s Gründe, das nicht für Apps zuzulassen sind vielfältig und teilweise fadenscheinig, aber … so what. Ich habe das noch nicht einmal vermisst ;-) Was ich gerne hätte, wäre ein schnellerer Weg, um zwischen Apps hin und her zu wechseln – und das sah auf den Videos des iPad schon sehr fix aus.

Positiv

  • Der Formfaktor:
    nahezu perfekt. Könnte natürlich etwas flacher und leichter sein ;-) Aber ansonsten ist das genau das Format, dass ich mir für die erste Generation brauchbarer “Pads” gewünscht habe. Wir werden die Dinger sicherlich (auch von Apple) in Zukunft in kleinerem Format (A5) und auch größer sehen. Aber für die meisten Zwecke ist das erst einmal der Formfaktor mit der besten Eignung.
  • Der Name:
    Die beste Lösung von allen Alternativen, die durchs Web kreisten. iPad klingt gut und passt in die Apple-Linie. Muss man sich nicht für schämen, ein Gerät mit dem Namen rumzuschleppen (wie bei iSlate ;-)
  • Der Bildschirm:
    Sieht hell und knackig aus. 1024×768 ist ausreichend und 132 dpi ist gestochen scharf. Darauf wird auch Lesen definitiv eine Freude sein. (Ich habe noch einen alten Sony VAIO mit ähnlicher Auflösung. Das kracht.)
  • Die Software:
    Mich hat die iPad-Version vom iWorks vom Hocker gehauen. Da haben die Entwickler wirklich etwas geschaffen, was der Plattform “Touch-Tablet” angemessen ist und mit dem man – scheinbar – arbeiten kann. Das habe ich bei Office-Applikationen auf Tablet-PCs noch nie gesehen. Die schreien alle nach einer Maus. Ich kann es kaum erwarten, mir heute das SDK zu holen und die UX Guidelines zu checken.
  • Die Performance:
    Das Teil ist schnell! ’nuff said!
  • Der Preis:
    Extrem clever gemacht. Das Ding kostet in der kleinsten Variante nicht mehr als ein großer Kindle und kann tausend Mal mehr. Apple wird den Markt für eBook-Reader aufräumen. Die große Schwäche des ansonsten extrem coolen E-Ink Ansatzes bei Amazon (und SONY und anderen) ist: Für Romane OK, für (moderne) Zeitungen, Magazine und das, was die Verleger heute im Web machen, zu schwach.Der (relativ) geringe Einstiegspreis wird zudem die Verbreitung extrem fördern. Ich rechne damit, dass das Teil im Weihnachtsgeschäft weniger als 300 EUR kosten wird und nächstes Jahr vielleicht weniger als 200 EUR. Das ermöglicht eine enorme Basis als DIE dominante mobile Medienplattform (oberhalb des Mobil-Telefons). Ich könnte mir sogar vorstellen, dass Apple das iPad mit (für Apple relativ) geringer Marge an den Start bringt, und somit auf Marktanteil geht.
  • Batterielaufzeit:
    Hier wird man natürlich sehen müssen, was die Praxis bringt, aber … wenn das Teil mehr als 6 Stunden Full Power läuft und eine Woche Standby schafft, wäre ich mehr als zufrieden. Ich hatte viel Schlimmeres erwartet.
  • Die CPU:
    Das iPad ist das erste Gerät, dass mit einer Apple-eigenen CPU ausgestattet ist. Und die scheint – wenn man sich die angekündigte Laufzeit und die tatsächliche Performance ansieht, mit das Beste zu sein, was es am Markt derzeit für Mobilgeräte gibt. Siehe auch The iPad Big Picture.

Zusammenfassend: “Haben wollen!” Ich denke, das Teil ist in dieser ersten Inkarnation noch an einigen Stellen ein Kompromiss. Nächste Generationen werden flacher sein, vielleicht weniger Rand und eine eingebaute Kamera (oder zwei) haben (das iPad SDK kennt Kameras!) etc. etc.

Werde ich darauf warten? Auf keinen Fall. Sobald das Ding auf dem Markt ist, werde ich mir mindestens 2 Stück holen. Das kleinste WLAN-only für zu Hause zum Rumliegen für die ganze Familie. Das große mit 3G für mich unterwegs.

Beeindruckendster Aspekt

Am meisten inspiriert mich bei dem, was ich bislang vom iPad gesehen habe, die Vorstellung von iWorks und des Bildbearbeitungsprogramms, desse Namen ich vergessen habe. Nicht, dass ich wirklich scharf darauf wäre, Tabellenkalkulation und Textverarbeitung auf einem iPad zu machen. Aber ich werde es sicherlich tun – für schnelle Korrekturen, private Anwendungen etc. Was mich wirklich beeindruckt hat, ist, wie Apple das Spektrum der Elemente, aus denen sich die Benutzeroberfläche zusammensetzt, erweitert hat, und, wie diese Elemente genutzt werden, um eine neue Art von Benutzeroberfläche auch für Business-Applikationen zu schaffen.

Das ist ein scharfer Kontrast dazu, wie die Benutzeroberflächen für Tablet-PCs in der Vergangenheit konzipiert und umgesetzt wurden. Dort ist der Finger (oder Stift) nur ein schlechter Ersatz für Maus und Tastatur. Applikationen, und selbst die Betriebssystem-Oberfläche, sind eigentlich für Tastatur und Maus gebaut und der Touchscreen ist eine Art modisches Gimmick, der zu kaum mehr als Scrollen, Zoomen und Blättern brauchbar ist. Das gilt selbst für die letzte
Inkarnation von Windows 7.

Apple hat versucht, die Oberfläche der iWorks Apps “from the Ground up” in die Umgebung Touch/Tablet zu bringen. Das ist sicherlich noch nicht an allen Ecken perfekt. Auch die innovativsten Entwickler haben die Last der alten Paradigmen zu tragen. Aber das, was ich heute Nacht auf diversen Videos sehen konnte, war schon Meilen weiter auf dem Weg zu einer wirklich geräte-angemessenen Benutzeroberfläche, als alles, was ich bislang auf anderen Devices gesehen habe – wenn man von Concept-Cars aus dem Laboren des MIT oder Microsofts visionären Surface-Videos absieht.

Ich freue mich schon jetzt darauf, was wir in der Agentur in den nächsten Monaten und Jahren mit diesen neuen Bausteinen für Benutzeroberflächen machen werden; innerhalb von Apps aber auch im Web, auf dem iPad und anderen Tablets!

Wichtigstes Marktsegment: Medienkonsum

Machen wir uns aber nix vor. Gerade im ersten Jahr, wird das iPod vor allem für einen Anwendungszweck gekauft und genutzt werden: Medien konsumieren. Das Ding ist ein perfekter “Browser in Hardware” fürs Web, ein Monster-iPod für Musik, ein geiles Format für den individuellen Konsum von Filmmaterial und natürlich ein viel besserer eReader als es eReader auf Basis von E-Ink (Beispiel Kindle) je sein können. Warum?

Um einfach nur einen Roman zu lesen, ist E-Ink fein. Aber wir lesen nicht nur Romane. Die Zeitschriften-Hersteller werden sich nach dem Ding die Finger lecken. Die Add-ons (gegenüber Papier), die zu handlen sie im Web in den letzten Jahren mehr und mehr begriffen haben, können sie auf E-Ink nicht nutzen. Wieso das entscheidend für den Durchbruch des “digitalen Lesens” hat sehr schön Jason Kincaid bei TechCrunch beschrieben – BEVOR das iPad vorgestellt wurde :)

Die Verleger werden sich auf das Ding stürzen wie die Verdurstenden. Hier haben sie eine Abspielplattform, die alle die Vorteile bringt, die sich im Web langsam, viel zu langsam, zu nutzen gelernt haben – und die es zugleich erlaubt, Geld für ihre Inhalte zu nehmen. Zahlungen pro Ausgabe und auch Abos sind machbar.

Nein, auch ich freue mich nicht darauf, für Content zahlen zu müssen. Aber ich bin bereit, für guten Content zu zahlen – und denke, dass es Dauer der Markt entscheiden wird, welche Preisstrukturen sich durchsetzen werden. Den Verlegern eine solche Möglichkeit einzuräumen, ist nichts Böses per se. Lasst den Markt – die Leser – entscheiden.

Posted via email from _notizen

  • http://www.faktor-g.de Wolff Horbach

    Beeindruckender Bericht und gute Einschätzung! Danke.