Ich mache heute mal etwas, was ich sonst nicht (oder extrem selten) tue: ich baue einen Blogpost aus Zitaten. Anlass ist ein Interview, das Kathrin Passig letzte Woche tagesschau.de gegeben hat. Das bringt ein paar Aspekte des Social-Media-Hypes und des medialen Backlash dagegen so schön auf den Punkt, da konnte ich mich nicht zurückhalten, mal die Highlights zu featuren. Anlass des Interviews war die leicht schadenfrohe Berichterstattung über die Tatsache, dass sich Menschen bei Facebook auch wieder abmelden.

Das sich daraus keinerlei Erkenntnisgewinn über die langfristige Bedeutung von Social-Media-Plattformen ziehen lässt, ist für Otto-Normaljournalist (und -Verbraucher) schwer zu erkennen. Das grundlegende Problem mit der Berichterstattung über ALLE disruptiven Innovationen ist:

Die Mehrheit der Bevölkerung will – verständlicherweise – keine Disruptionen. Und das ist die Leserschaft für die Journalisten der etablierten Medien schreiben. Also habe sie ein Interesse daran, ihre Kunden zu bestätigen und zu beruhigen.

Der Character des Hypecycles (wie ihn auch Passig eingangs erwähnt; siehe auch hier) ist so, dass der Peak eben sehr ausgeprägt und auffällig ist. Die Presse schreibt über den rapiden Anstieg des öffentlichen Interesses und den dramatischen Absturz. Der Slope of Enlightenment ist flach und nicht besonderer Berichterstattung wert.

Aber Passig formuliert das viel süffiger:

tagesschau.de: Dinge anfangen und wieder sein lassen ist an sich nichts ungewöhnliches. Warum ist es ein Thema, wenn das bei sozialen Netzwerken geschieht?

Passig: Ich bin mir nicht einmal sicher, ob das ein größeres Thema ist als beispielsweise “Nordic Walking verliert an Beliebtheit”. Dem Medienthema “Hurra, neues Ding, wir berichten” folgt eben normalerweise das Thema “Haha, neues Ding gar nicht so toll, wir haben’s gleich gewusst”.

Falls soziale Netzwerke davon tatsächlich stärker betroffen sind, würde ich vermuten, dass da viel Wunschdenken im Spiel ist. Soziale Netzwerke haben für die, die sie wenig oder gar nicht nutzen, etwas Bedrohliches. Veränderungen sieht der Mensch ja generell nicht so gern, noch viel weniger, wenn sie ein so zentrales Gebiet des Zusammenlebens betreffen. Da ist es natürlich schön, sich vorzustellen, dass das alles nur so eine Phase war, nach der das Leben weitergehen wird wie vorher. [...]

tagesschau.de: Sie haben sich eingehend mit der Technologieskepsis gegen das Internet beschäftigt, und Sie haben verschiedene Phasen dabei gefunden. Was sind das für Phasen?

Passig: Diese Phasen finden sich nicht nur beim Internet als Ganzem oder seinen einzelnen Erscheinungen, sondern in der Berichterstattung über alle technische Neuerungen, auch das Telefon, das Flugzeug oder die Schreibmaschine. Zuerst heißt es “Wozu soll das denn gut sein?”, dann folgt “Das braucht doch nun wirklich kein Mensch” und “Ich brauche das jedenfalls nicht. Das ist nur was für Terroristen und picklige junge Männer.”

tagesschau.de: Und dann?

Passig: Als Nächstes behauptet man “Das ist doch nur wieder so eine Phase”, dann “Na gut, es geht also nicht mehr weg, aber ändern wird sich dadurch nichts!” Schließlich sieht man ein, dass das neue Ding manche Vorteile hat und klagt jetzt, es sei ja aber noch gar nicht perfekt, und außerdem viel zu teuer. Wird das Neue dann preiswerter und attraktiver, muss man sich wiederum Sorgen machen, was passiert, wenn Frauen, Kinder und andere leicht beeindruckbare Gemüter damit konfrontiert werden. [...]

tagesschau.de: In welcher Phase befindet sich die Debatte über Facebook?

Passig: “Das ist doch nur so eine Phase.” Facebook soll bitte wieder bedeutungslos werden. Und weil Facebook das größte soziale Netzwerk ist, verschwinden logischerweise alle kleineren gleich mit. Danach sieht das Leben wieder genau wie früher aus, und niemand muss sich mehr Sorgen machen, weil er keinen rechten Anschluss an die neuen sozialen Sitten findet. Dass Facebook in ein paar Jahren wieder an Bedeutung verliert, ist dabei sogar ziemlich wahrscheinlich; [...]

Die schlechte Nachricht für Anhänger des “Nur-eine-Phase”-Glaubens: An die Stelle von Facebook wird nicht der Prä-Facebook-Zustand treten, sondern Angebote, die noch viel stärkere Verwerfungen in unseren sozialen Gepflogenheiten mit sich bringen.

Schöner kann man das kaum formulieren. Einzelne Ausprägungen eines solchen disruptiven Megatrends mögen vergehen (Facebook, LinkedIn, Xing oder – für die ältere Generation unter uns – AOL, CompuServe oder BIX). Das neue Geschäftsmodell, Verhaltensmuster, etc. selbst bleibt aber erhalten, bis es lange später durch wiederum neue Muster abgelöst wird. Das Alte – der Status Quo Ante – hingegen kommt nie wieder zurück.