Vom Interesse an Hitlisten und Vergleichen kann sich kaum jemand freimachen, privat, im Verein, in der Firma oder gleich für die ganze Nation. Da trifft es die Deutschen als ehemalige Klassenstreber und Wirtschaftswunderkinder immer wieder hart, wenn sie in den meisten Vergleichen in letzter Zeit schlecht abschneiden. Alle rufen laut nach “der Politik”, die etwas tun müsse und diskutieren dann erst mal ein paar Jahre lang, was genau “selbstverständlich” getan werden muss. Ich selbst bin immer wieder begeistert, wie die PISA-Ergebnisse von den Konservativen als Bestätigung für das dreigliederige Schulwesen gesehen werden und von anderen als Begründung für mehr Gesamtschulen.

Kann man scheinbar so oder so sehen. Wenig Auslegungsmöglichkeiten gibt es bei der Tatsache, dass Wirtschaftswunder, beständiges Wachstum des Wohlstands und Vorreiterrolle vorbei sind und andere Nationen jetzt die Musterschüler sind. Was aber genau ist dort anders?

Natürlich vieles, was ja der Grund ist, dass Nacheifern nicht so einfach ist. Es gibt nicht “eine Ursache” für Wachstum und Prosperität. Aber es gibt Unterschiede in den Kulturen, die auffällig sind, und die viel tiefer wurzeln als Prozente am Bruttoinlandsproudkt, die für Bildung und/oder Forschung ausgegeben werden.

Begeisterung für Neues, für Innovation zum Beispiel …

Beispiel Süd-Korea
Fast jeder, der die Boom-Regionen in China und Südost-Asien besucht, ist einerseits tief beeindruckt vom dort stattfindenden Boom (speziell sichtbar in der Baubranche) andererseits von der auf uns fast erschreckend wirkenden Technologiebegeisterung. Hier mal ein Beispiel aus einem hochspannenden Artikel dazu bei Always on, South Korea and the Change Function

South Korea is… what your country can do for technology. In August, Wireless Watch explained that “the 1997 [Korean] financial crisis caused severe unemployment and in 2000 the government launched its Cyber 21 program offering intensive IT training… Priced at extremely attractive KRW 30,000 (Euro 21.50)… nearly a quarter of the adult population have now been trained….”

On a country-wide scale, South Korea is the fastest adopter of
technology on the planet. Most people say it’s “the culture,” and we have a gut feeling that “the culture” is a huge cop-out. [...] But if so, what made “the culture” the culture?

Ich selbst war noch nie in Korea oder Süd-China. Diejenigen, die mir aus erster Hand
erzählen, beschreiben die enorme Dynamik der Entwicklung mit Staunen und Ehrfurcht (Angst?). Dem Spaß der Menschen an allem Neuen, begegnen sie hingegen oft mit Überheblichkeit: “Kindisch, diese Chinesen/Koreaner/Asiaten!” Was kaum jemandem aufzufallen scheint, ist, dass diese beiden Phänome vielleicht eng miteinander verknüft sind.

Vielleicht ist es gerade die kindliche Freude am Spielen und Experimentieren, die begeisterte Akzeptanz des Immer-Wieder-Neuen, die (auch) für den Erfolg dieser Kulturen verantwortlich ist. Siehe auch Spielkinder sind gut für’s Geschäft. Selbst E-Mail ist in dieser Kultur schon als langsam und “old-shool” verschrien. Dazu noch ein kurzes Zitat aus einem Artikel bei Smartmobs:

The ebbing of email is a phenomenon peculiar to Korea, an IT power. Leading the big change, unprecedented in the world, are our teens and those in their 20′s. The perception that “email is an old and formal communication means”is rapidly spreading among them. “I use email when I send messages to elders,” said a college student by the name of Park.

Freude an Innovation, Änderung und Geschwindigkeit als volkswirtschaftlicher Werfolgsfaktor. Zumindest ist das nicht ganz unplausibel …

Es tun machts möglich
Kombiniert wird diese Begeisterung für das Neue mit einer Haltung des “Tuns”, die kaum kontraststärker och einmal ein paar kurze Passagen aus derm Artikel bei AlwaysOn

However, South Korea is still into progress. [...] A few examples: In 1993 the government seeded a
$50 billion project to build a nationwide fiber ATM backbone. The government supported a national rollout of broadband directed to include near-free PCs for every family that cared about their children’s education—which in Korea means every family. [...]

Returning from these examples to my question: is all that stuff just ”it’s the culture,” or is it in fact ‘intention’? And is it an
‘intention’ that has been missing in numerous other countries that would like to think of themselves as technology leaders?

So here’s a Zen riddle: How does a fly trapped in a box with tape fully covering it securely and tightly get out of the box? Answer: It just decides…

Whoa! Well folks, it seems that South Korea decided. Maybe the hallmark of Korean culture is that when Korea decides something, it really decides. Something worked: in 1960, per capita income was under $100, but in 2000 it was up to $9,490.

OK, zugegeben, solche Steigerungsraten sind einfacher, wenn man weit unten startet. Aber sie haben bestimmt auch damit zu tun, dass die Führung einer Gesellschaft eine Herausforderung erkennt, einen Plan entwirft und mit der Umsetzung beginnt – ohne Jahre auf der Konsenssuche zu verbringen und dabei Chncen zu verpassen. Was natürlich auch einfacher ist, wenn “das Volk” sich auf das Neue freut und nicht skeptisch die Augenbrauen hochzieht.

Spielkinder gegen blasierte Elite
Übertrieben gesagt, könnte man formulieren, dass es auf der Welt zwei Arten von Kulturen (oder Subkulturen darin) gibt:

  1. solche, in denen es die Menschen mit Stolz erfüllt, der/die
    Erste zu sein, der/die etwas “Neues” macht oder besitzt. Das Neue ist
    per se erst einmal “gut”.
  2. solche, in denen es die Menschen mit Stolz erfüllt, zu den Letzten
    zu gehören, die etwas nach alter Väter Sitte tun. Das Neue ist per se
    erst einmal “schlecht” und überflüssig. Und man schaut sich lange, sehr genau und skeptisch an, um es dann vielleicht mürrisch zu akzeptieren.

Das sind nicht immer ganze Nationen oder Kontinente, die so denken.
Denkungsart No.2 ist sicherlich weltweit bei den alten Eliten vieler
Nationen anzutreffen (zumindest im Privatleben und gesellschaftlichen
Auftreten). Es ist quasi die Karikatur des englischen Adels, der in
hochwertiger, aber alter, abgetragener Kleidung auf die Fuchsjagt geht
(wobei “abgetragen” natürlich edle Patina ist) – weil man es in der
Familie seit 12 Generationen so zu tun pflegt.

die guten (alten) Dinge … vs. Gadgets
Diese Einstellung ist teilweise auch die Wurzel der Freude an alten Autos und an teuren mechanischen Uhren. Sie ist auch zentrale Marketingaussage eines der erfolgreichsten Newscomer im deutschen Versandhaus-Markt der letzten Jahre: Manufactum (Motto: “Es gibt sie noch, die guten (alten) Dinge”).

Wobei es auch mir immer Freude macht, im Manufactum-Katalog zu schwelgen. Nur ehrlich gesagt: einige der dort in wirklich wunderschöner Prosa angepriesenen Artikel sind einfach (hochwertiger) teurer Schrott. Es gibt inzwischen weitaus bessere Lösungen/Produkte für die entsprechenden Anwendungsfälle, die preiswerter, haltbarer etc. sind. Einige vielleicht sogar “ökologischer”. Aber sie wecken nicht das schöne “die guten alten Dinge”-Gefühl.

Umgekehrt gibt es die Spielkinder in vielen Nationen bei den Nerds/Geeks, oft jungen Menschen (viel jungen Männern). Das sind auch in Deutschland die Gadget-Freaks, die sich über das erste Notebook mit DVD, einen besonders winzigen MP3-Player irgendetwas neues, cooles, kleines, elektronisches, das noch kein anderer hat. Oder Menschen, die jedes Jahr eine neue Zeitplanungsmethode ausprobieren, total begeistert sind – und die teuren Bücher, Unterlagen, Planungsbücher und Prgramme nach einem halben Jahr wegwerfen. Kindisch, nicht? Ja!

Innovationsfreude der “Eliten” – oder nicht
Neben diesen Subkulturen innerhalb bestehender Gesellschaften gibt es aber schon gewisse Tendenzen, die die gesamte Nation (oder Kultur über Landesgrenzen hinweg) prägen. wie verhält sich die Mehrheit der Bevölkerung, wie die “Eliten”, wie die Vorbilder (unterschiedlicher Art), zu denen die Leute wirklich aufblicken – nicht allein die Celebrities. Wenn ein Vorstandsvorsitzender, ein bekannter Wissenschaftler, ein “ernsthafter” Autor, ein elder Statesman etc. von einem Journalisten besucht wird und ihm etwas zeigt, auf das er besonders stolz ist. Ist das ein neuer Laptop, ein Mobiltelefon oder die  wertvolle alte Taschenuhr, die schon dem Großvater gehörte?

Ich denke, dass in Deutschland die Wahrscheinlichkeit  für die Taschenuhr (oder vergleichbare Reliquien) relativ hoch ist und in Südchina oder Korea eine recht hohe Wahrscheinlichkeit für Handy, Laptop oder ein anderes Gadget besteht. Das will ich nicht werten. Ich kann mich für beides begeistern. Aber, wenn der Rückblick zur Gewohnheit wird und das Alte verklärt wird – man denke nur an die Unsummen, die in Europa für die Restauration entzückender alter Gebäude in den Innenstädten ausgegeben werden (in die dann hinterher McDonalds, Douglas, K&M oder eine Bäckereikette einzieht) – kann der Blick für neue Möglichkeiten verstellt werden. Und das mag sich als fatal erweisen.

Ändere dich, probier etwas aus, tue etwas, passe dich an … soooonst ….
Es ist – mal wieder – eine biologische Metapher: Solange sich die Welt nicht ändert, mag eine Tierart sehr erfolgreich sein. Wenn sich die Welt aber ändert, muss sie sich anpassen. Das geschieht durch Mutation, kleine Änderungen von Generation zu Generation. Viele dieser Änderungen erweisen sich als “nicht besser” oder sind sogar von Nachteil. Aber einige bieten in der geänderten Umwelt Vorteile und setzen sich nach Generation zu Generation durch. Die Spezies überlebt und gedeiht vielleicht sogar mehr als vorher.

Ändert sich eine Spezies nicht, macht sie keine Experimente, versucht sie nicht Neues (oder zu langsam; weil sie beispielsweise einen langen Generationenzyklus hat), schrumpft die Population und vielleicht stirbt diese Spezies einfach aus.

Ich denke und befürchte, das ist mit Gesellschaften, Nationen, Kulturen nicht anders.

Und nebenbei bemerkt: ab und an mal etwas Neues ausprobieren, macht Spaß. Echt!

  • http://www.hebig.com heiko

    War es das, was Herzog in seiner “Ruck”-Rede sagen wollte? Bestimmt. Auch.

  • http://www.sns1.de/partner/flamme/wflamme.nsf/ Wolfgang Flamme

    Ein paar Anmerkungen:
    - Es fällt sicher leichter, Neues spielerisch und unvoreingenommen zu erproben, wenn es offensichtlich ist, daß dadurch nichts *verdrängt* wird. Denke nur mal an die Zeit, als Hinz und Kunz hierzulande mit einem Tamagochi rumgelaufen sind…
    Für viele Chinesen ist ein Mobiltelefon überhaupt das erste Telefon (oder der erste Taschenrechner), den sie besitzen. Es gibt keine Telefoniegewohnheiten, die dadurch in irgendeiner Weise (negativ) beeinflußt werden, keine Massenentlassungen im kabelgebundenen Bereich etc, keine Umwelt- und Gesundheitshysterie …
    - Das Beispiel Südkorea: Wie man ganz deutlich sieht, stellt sich auch dort sehr schnell ein Beharrungssystem ein … wenn man mit der älteren Generation kommunizieren will, muß man zur ‘veralteten’ E-Mail greifen. Ich bezweifele, daß die früher ein Postsystem hatten, daß jedermann – selbst im abgelegendsten Kaff – innerhalb von drei Tagen zuverlässig die Post zustellen konnte. Auch hier war E-Mail wohl einfach nur ein Einstieg auf hohem Niveau und schon jetzt zeigen sich scheinbar erste Anzeichen der Stagnation – innerhalb von vielleicht 20 Jahren.
    - Die Innovationsfreudigkeit der Asiaten muß man auch nicht so verherrlichen. Wenn man sich zB Japans (damaligen kometenhaften) Aufstieg im Automobilsektor anschaut, dann geschah das (bei Honda) nicht aus der Stärke heraus, sondern es war ausschließlich eine Flucht nach vorne – anfangs iw getragen durch einen einzelnen Ingenieur. In die Predouille gerieten sie aber gerade, weil sie *überhaupt nicht* innovativ waren.
    - Und: Mir fällt auf Anhieb keine echte, moderne Innovation ein, die ihren Ursprung in Asien gehabt hätte. Das liegt sicherlich mit am brain drain, aber es ist schon bezeichnend, wenn Fachkräfte im Heimatland absehbar kein attraktives Entwicklungspotential erkennen können. Kennen die ihre Landsleute nicht besser als wir?
    Ich will damit nicht sagen, daß die Asiaten blöder sind als wir, aber auch dort wird nur mit Wasser gekocht (und häufiger als bei uns immer noch auf Kohlefeuern). Sicher, der Abstand schrumpft, aber ein erfolgreiches Überholmanöver ist etwas anderes als nur den Anschluß zu bekommen.

  • http://notizen.typepad.com/aus_der_provinz Markus Breuer

    hoo brauner, ganz vorsichtig mit dem national-/kulturstolz:
    > – Es fällt sicher leichter, Neues spielerisch und unvoreingenommen zu
    > erproben, wenn es offensichtlich ist, daß dadurch nichts *verdrängt*
    > wird.
    neues ersetzt irgendwann einmal fast immer altes. manchmal ganz unauffällig, manchmal offensichtlich und schnell
    > wird. Denke nur mal an die Zeit, als Hinz und Kunz hierzulande mit einem
    > Tamagochi rumgelaufen sind…
    ja, natürlich können einige auch in unserem kulturkreis spielen. nur “wer” kann das und wie wird das angesehen? genau hinschauen.
    > – Das Beispiel Südkorea: Wie man ganz deutlich sieht, stellt sich auch
    > dort sehr schnell ein Beharrungssystem ein … wenn man mit der älteren
    > Generation kommunizieren will, muß man zur ‘veralteten’ E-Mail greifen.
    wenn es bei uns ein “beharrungsvermögen der älteren generation für e-mail” gäbe, wären wir einen großen schritt weiter *schmunzel*
    > – Die Innovationsfreudigkeit der Asiaten muß man auch nicht so
    > verherrlichen. Wenn man sich zB Japans (damaligen kometenhaften) Aufstieg
    es geht mir nicht darum, “den asiatischen menschen” zu veherrlichen. das wäre rassismus. der asiate mensch ist einfach ein mensch. menschen, die in asien leben, sind menschen wie du und ich, zunächst einmal mit dem selben beharrungsvermögen wie ein europäer. wenn die kultur, von vorbildern getrieben, die freude am neuen, die kinder ganz natürlich haben, ein wenig länger erhält, werden menschen in aller welt eher bereit und in der lage sein, veränderungen zu bewältigen. wenn die vorbilder den wehmütigen blick zurück vormachen, dann nicht.
    > – Und: Mir fällt auf Anhieb keine echte, moderne Innovation ein, die ihren
    > Ursprung in Asien gehabt hätte. Das liegt sicherlich mit am brain drain,
    > aber es ist schon bezeichnend, wenn Fachkräfte im Heimatland absehbar kein
    > attraktives Entwicklungspotential erkennen können. Kennen die ihre
    > Landsleute nicht besser als wir?
    das war einmal (viele asiatischen kulturen waren lange zeit rückwärtsgewandt und konservativ). als erstes hat das – unter druck – japan abgelegt, wodurch japans aufstieg begann. china hat das lange zeit beibehalten (und ist von japan beinahne erobert worden). dann hat china das abgelegt. bis ein wandel der kultur auswirkungen hat … das dauert lange … lies zum beispiel die berichte über microsofts forschungslabor in peking (u.a. Technology Review 07/2004). das ist sehr …. interessant.
    > Ich will damit nicht sagen, daß die Asiaten blöder sind als wir, aber
    > auch dort wird nur mit Wasser gekocht (und häufiger als bei uns immer noch
    ich will eben nicht einen “kampf zwischen nationen und kulturen” befürworten. vor allem nicht gegeneinander. aber eine art “wettbewerb” existiert. und in einem “wettbewerb” war es selten ein gute einstellung zu saisonbeginn, die anderen mit den worten “die kochen auch nur mit wasser” klein zu reden.
    ich will doch aber nicht davon abhalten, dich entspannt zurück zu lehnen …
    aber nochmal: mir geht es nicht darum, “die chinesen”, “die koreaner”, “die asiaten” zu “schlagen”. (btw: innovationsfreudige kulturen existieren auch auf anderen erdteilen). mir geht es nur darum, dass die kultur, in der ich aufgewachsen bin, die mich geformt hat, in der ich lebe – und die ich auch liebe – die notwendige anpassungsfähigkeit nicht verliert. oder besser gesagt: ich möchte, dass sie sie wiedergewinnt. verloren hat sie sie vor rund 20 jahren (plusminus weißichnich)!

  • http://www.sns1.de/partner/flamme/wflamme.nsf/ Wolfgang Flamme

    “hoo brauner, ganz vorsichtig mit dem national-/kulturstolz”
    He, das bedeutet hoffentlich nicht das, was es BEDEUTEN KÖNNTE, oder?
    Daß Neues Altes ersetzt, ist mir klar. Ich gehöre noch zu denen, die selbstgebaute Akustikkoppler an µCs unter den Todesdrohungen der Reichspost betrieben haben und auch jetzt gehöre ich zu den wenigen Prozent meiner Altersklasse, die sich intensiv mit Technologie beschäftigen – und noch mit ein paar anderen Sachen. Stagnation und Zurücklehnen war noch nie mein Ding.
    Was ich meine ist, daß die Ostangst-Hysterie, wie sie sich seit wenigen Jahren hier breitmacht, völlig kontraproduktiv ist. Pure Angst hat noch selten was produktives bewirkt. Hier schreien sie schon alle wieder nach Hitler – durch die Blume -, merken’s nicht einmal. Ausländer raus, Leitkultur und Patriotismus rein, Autobahnen bauen vielleicht, Grenzen und Schützzölle hoch, Konzentrationslager in Afrika, Deutsche, kauft deutsche Bananen und am deutschen Wesen wird wieder genesen, notfalls mit Gewalt. Das alles gefällt mir ÜBERHAUPT NICHT.
    Diese Denkweise, das Abschotten, die Isolation, die panische Angst vor dem Westen, vor Rußland und Japan hat die Chinesen jahrzehntelang kontrolliert, sie fürchterlich zurückgeworfen. Aber seit einiger Zeit denken sie strategischer, angstfreier, sie benutzen das kapitalistische Prinzip konsequent zu ihrem Vorteil, bauen ihre Macht aus – wirtschaftlich (äußerlich) und politisch (eigentlich).
    Nur von Wettbewerb zu reden, das geht etwas am Thema vorbei … das ist kalter Krieg – in aller ‘Freundschaft’. Die haben Lenin sorgfältig gelesen. Das wird der Westen wohl erst dann merken, wenn Taiwan ‘reintegriert’ wird und alle das Maul halten, weil die Chinesen dann weit über eine Billion USD und unglaubliche westliche Anlageninvestitionen als Faustpfand in den Händen halten.
    Also glaube bloß nicht, ich würde diese Bedrohung unterschätzen. Aber diesen Gegner zu verklären, diesen Fehler will ich eben auch nicht machen. Die Chinesen sind neugierig, wissensdurstig, gerissen und skruppellos (man muß sich nur mal angucken, wie sie ihre eigenen Leute behandeln). Das Regime ist totalitär, der Staatsapparat ausufernd, korrupt und repressiv. Und das wird auch noch lange Zeit so bleiben. Das ist kein besonders günstiges Klima für echte Innovation. Deshalb hätte sich zB ohne Microsoft in Peking auch wenig getan.
    Ein Land, das seinem Wachstumsmotor Industrie alle naslang den Strom abstellen muß, hat bis zur Führungsposition noch einen weiten Weg vor sich. Ihr größter Vorteil ist, daß sie auf ihren Leuten (fast) nach Belieben rumtrampeln können. Aber auch das beginnt sich zu ändern, es kommt schon immer häufiger zu wilden Streiks und Revolten. Das ist kaum das Klima, in dem wirkliche Innovation gedeihen kann.
    Ich frage also nochmal: Was habe sie bis jetzt *alleine* auf die Füße gestellt? Sie haben den Weg frei gemacht zu einem Millionenheer williger Arbeitssklaven. Sie haben dem westlichen Kapital den Weg geebnet. Sie ziehen eine technische Elite heran. Sie haben ein wahnsinniges Wirtschaftswachstum (in den Industriezentren). Alles ok. Aber wo sind die rein-chinesischen Innovationen, die unsere Märkte überschwemmen? Wo ist der chinesische BMW, der chinesische Dell, der chinesische 64Bit-Prozessor, die chinesische Programmiersprache?
    Sorry, ich sehe die Gefahr. Aber China hat noch einen weiten Weg vor sich. Wir dürfen uns halt nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen und glauben, wir hätten den verdienten Ruhestand gepachtet.

  • http://notizen.typepad.com/aus_der_provinz Markus Breuer

    >> “hoo brauner, ganz vorsichtig mit dem national-/kulturstolz”
    >> He, das bedeutet hoffentlich nicht das, was es BEDEUTEN KÖNNTE, oder?
    sorry, mir ist erst jetzt bewußt geworden, dass diese floskel zusammen mit dem begriff “national” anders interpretiert werden könnte, als sie gemeint ist. kanntest du sie nicht? sie bezieht sich auf das bild eines menschen, der liebevoll ein pferd beruhigen möchte und heißt eigentlich nur “hier mal kurz bremsen, bitte”
    ich habe für mich persönlich übrigens gute erfahrungen damit gemacht, hinter worten, die mir vorwurfsvoll, beleidigend etc. erschienen, immer missverständnisse, unglückliche ausdrucksweise und ähnliches zu sehen. wenn ich die wahl habe … wozu mich ärgern?
    ich habe leider trotzdem gerade jetzt wieder das gefühl, dass wir aneinander vorbei reden. schade. hat vermutlich mit meinem fehler zu tun, als vergleiche korea und china heranzuziehen. auch das kann man vermutlich schnell anders interpretieren, als es von mir gedacht war. es gibt viele beispiele auf der ganzen welt (auch sympathischere als das machthungrige china). und ich hätte auch epochen innerhalb einer nation zum vergleich heranziehen können, in denen sich die einstellung zum “neuen” oder zum “handeln” in den dominierenden subkulturen änderte – was eben auch konsequenzen hatte …
    was deine einschätzung der asiatischen kulturen als “keine innovationen hervorbringend” angeht … das ist ein anderes thema. eine gesellschaft kann innovation begrüßen und annehmen, ohne sie selbst hervorbringen zu müssen. vielleicht könnte man sogar darüber pholosophieren, ob blütephasen des westlichen kulturkreises nicht manchmal auch auf der vorarbeit anderer kulturkreise beruhten.
    … aber das ist wirklich ein anderes thema, als das, das ich ansprechen wollte. schreib du doch mal einen post dazu, dann können wir das bei dir diskutieren.
    ok?

  • http://myblog.de/so-zi-al/ Manfred

    So, das erste Türchen ist also auf. Schade, dass da nur wieder der neoliberal geprägte Deutschland-Pessimismus herauslugt. Vorab also zur Klärung: Der Satz “Wenig Auslegungsmöglichkeiten gibt es bei der Tatsache, dass Wirtschaftswunder, beständiges Wachstum des Wohlstands und Vorreiterrolle vorbei sind und andere Nationen jetzt die Musterschüler sind.” ist Mumpitz! In Deutschland hat es nach dem Krieg nur ein Jahr kein Wachstum gegeben. Ansonsten ist die deutsche Wirtschaft (bzw. das Bruttosozial- oder -inlandsprodukt) immer gewachsen. Gemessen an der zu bewältigenden Wiedervereinigung leben wir mitten IN einem Wirtschaftswunder. Die Zahlen täuschen zwar an allen Ecken und Enden ein bisschen, z.B. wenn Eichel seinen Haushalt stabilitätspaktkonform macht, indem er das “Tafelsilber” verscherbelt, das künftigen Generationen nicht mehr zur Verfügung stehen wird, oder wenn andererseits der Staat Deutschland als europäisches Niedrigsteuerland auf zig Milliarden an möglichen Einnahmen verzichtet. Deutschland ist als Exportweltmeister sogar eine so dermaßen starke Vorreiterrolle zugefallen, dass andere Staaten es schon mit der Angst zu tun bekommen. So schlimm kann es um Deutschland – als Wirtschaftsstandort – also nicht stehen.
    Demgegenüber werden immer wieder Staaten wie Süd-Korea, China oder auch Brasilien als Beispiele für exzeptionelles Wachstum genannt. Ist auch Mumpitz, weil es, wie Du selbst (aber nur am Rande) anmerkst, sich von ganz wenig aus natürlich wunderbar wachsen lässt. Das ist aber ein zentrales Element der Betrachtung, weil es sich um nichts anderes als Aufholprozesse handelt, wie Wolfgang schon schrieb. Im Prinzip auch erwünschte Aufholprozesse; man sollte sich lediglich vergegenwärtigen, dass Wachstum um das bloße Steigern des BIPs auf Ressourcendurchsatz hinausläuft und unter ökologische Kontrolle gestellt gehört, wie das auch bei uns von den GRÜNEN immer wieder angemahnt wurde (bis sie selbst der neoliberalen Gehirnwäsche erlagen).
    Zur Spielkultur im technischen Bereich: Tamagotchi wurde schon genannt, ein völlig sinnloses Abfallprodukt eines angebotsorientierten Radikalkapitalismus. Schon viele Diskussionen gab es (auch hier) um Handys, die auch Fotos schießen können, was viele nicht nur nicht mit ihrem Handy wollen, sondern was die allermeisten unter bestimmten Umständen auch gar nicht dürfen, weswegen sie mit ihrem Kamera-Handy ausgesperrt werden oder es abgeben müssen. Nun braucht es einige Spielkinder als Testpersonen für dei Frage, wie gut ein bestimmtes Feature (!) ankommt. Deswegen gibt es natürlich die Kamera-Handys und die schon erwähnten Mini-MP3-Player usw. Was definitiv fehlt ist die eigentliche WEITERENTWICKLUNG, das gesellschaftliche Bewusstsein um sinnvolle Produkte bzw. Feature-Verhältnisse der Produkte. Mein Handy z.B. trage ich in meiner Kameratasche mit mir herum, in der mich eine zwar schon ältere, aber mit 2 MPixeln, 8-fach opt. Zoom und i.d.R. 64 MB CF-Speicher ausreichend leistungsfähige Kamera begleitet. Und solange ich für (obendrein teure) MMS keine wirkliche Verwendungsfähigkeit sehe, brauche ich definitiv kein Kamera-Handy! Und selbst wenn die Kamera-Handys so leistungsfähig werden würden, dass sie meine eigentliche Kamera in den Schatten stellen könnten und eine Kombination dieser Features sinnvoll erschiene, bräuchte ich kein Kamera-Handy mehr, sondern wüsste gerne gleich ein Kamera-Handy-MP3-Player-Diktiergerät-PDA-Subnotebook an meiner Seite!
    Und wie sieht es mit Werten aus?
    “Aber wo sind die rein-chinesischen Innovationen, die unsere Märkte überschwemmen? Wo ist der chinesische BMW, der chinesische Dell, der chinesische 64Bit-Prozessor, die chinesische Programmiersprache?” wurde schon gefragt. Aber sind das die Gründe, weswegen wir oder die Chinesen leben? Braucht irgend jemand den chinesischen 64bit-Prozessor?? Die wahren Fragen sind doch: Wo sind die chinesischen Werte? Wo ist die chinesische Literatur? Wird die Welt durch die Chinesen besser? Und weiter gefragt: Was wird – in der Richtung, in die WIR gerade steuern – aus den deutschen Werten, aus der deutschen Literatur, aus den Ergebnissen jahrzehntelanger Kämpfe um solidarische Strukturen?? Wollen wir das??
    Und die Antwort lautet leider: NEIN! Das muss man sich vor Augen halten: Jedes Wirtschaftswachstum, das wir in diesen Tagen erreichen, jede Idee, die wir haben, passiert in einer Welt, die wir so gar nicht wollen – und ist damit möglicherweise verlorene Liebesmüh. Und nur weil irgendeine diffuse Mehrheit (zumindest der sog. “Meinungsführer”) dem völlig irrationalen und in weiten Teilen eben auch inhumanen Glauben an den alles selbst regulierenden Markt anhängt, wird Globalisierung als Zwang zu inhumanen Entwicklungen verstanden statt als Chance, ein kuscheliges globales Dorf auf der Basis von in aller Welt geltenden Werten – wie Sicherheit, Solidarität, Leben für Kultur und Wissenschaft, Nachhaltigkeit und Kinderfürsorge – einzurichten.
    Das Restaurieren von alten Gebäuden finde ich auch nicht wirklich förderlich. Nichts dagegen, an manchen Standorten die alte Baustruktur zu erhalten, um Architekturstudenten und sonstigen Werktätigen vom Bau einen Einblick in die Arbeitsweise früherer Zeiten gewähren zu können. Aber eigentlich leben wir in modernen Zeiten und wollen eine moderne Lebensumgebung (zumal wenn dann McDonalds einzieht wie jüngst im Mainzer Hauptbahnhof). Wirtschaftlich gesehen dürfte es nebenbei bemerkt keinen echten Unterschied machen, ob man Altes einreißt und Neues hinbaut oder ob man Altes restauriert. Bezogen auf Werte habe ich mein halbes Jahr im Orange County, California genossen, weil es eine moderne Lebenswelt bot. Als ich in Deutschland wieder aus dem Flieger stieg und mit meinen Eltern mit der S-Bahn von Frankfurt nach Mainz fuhr, hätte ich gerade kotzen können bei dem Hinterhof-Charme, den deutsche Bahnstrecken eben oft bieten… Dass mir bei eben jener Fahrt ein Mann, den man nicht eben als Kulturmensch bezeichnen würde, meinen Erzählungen von USA (und den US-Bieren) lauschend, ein Binding Export-Fläschchen reichte, damit ich mich wieder heimisch fühlen möge, rührt mich in der Rückschau noch an…

  • http://www.sns1.de/partner/flamme/wflamme.nsf/ Wolfgang Flamme

    @Manfred:
    Was für eine Denkweise, man könne es sich ‘einfach nur rundhherum nett’ einrichten, wenn es nur genügend Leute durchsetzten?
    ‘Telefondesinfizierer’, sag ich da nur.

  • http://myblog.de/so-zi-al Manfred

    Hallo, Wolfgang!
    Hast mich druchschaut: Allzuviele erleiden das Schicksal, nicht mehr als Telefondesinfizierer zu sein (Ich sage nur Alg-II-Anträge erfassen…). Ein Schicksal, das ich meinen Mitmenschen nur allzu gerne ersparen möchte – bevor noch jemand auf die Idee kommt ‘sie schon mal vorzuschicken’.
    Übrigens hat meine “Denkweise, dass man es sich einfach nur rundhherum nett einrichten kann, wenn es nur genügend Leute durchsetzten” auch einen Namen: Utopia.