creativity_copyImmer dann, wenn Menschen “über den Tellerand hinausschauen” und sich mit anderen Menschen austauschen, die möglichst “anders” sind, einen anderen beruflichen, privaten, kulturellen Hintergund haben, andere Erfahrungen, Neigungen, Interessen, Denk- und Verhaltensmuster!

Das ist nicht nur eine Binsenweisheit aus der Kreativitätsforschung. Ronald Burt von der University of Chicago hat das ausführlich untersucht und ein Paper dazu geschrieben, das in den letzten Tagen und Wochen auch in der Blogosphere heftig diskutiert wurde: Structural Holes and Good Ideas (PDF; 736K).

Dessen Essenz:

[...] that people who stand near the holes in social structure are at a high risk of having good ideas. [...] opionion and behavior are more homogenous within than between groups, so people connected across groups are more familiar with alternative ways of thinking and behaving [...] News ideas emerge from selection an synthesis across the structural holes between groups. Some fraction of those ideas are good.

Schöner kann man nicht zusammenfassen, was Unternehmen und andere Organisationen tun können, um das brachliegende Potential für Kreativität und Innovation auszuschöpfen: gebraucht werden Leute – Burt nennt sie “Broker”, also Ideen-Makler – die Brücken schlagen über die “Löcher in der (Kommunikations-)Struktur”!

Das Papier ist wissenschaftlich “dicht” und teilweise schon recht zäh zu lesen (mit Hunderten von Zitaten und Literaturverweisen) aber absolut essentieller Lesestoff für jeden, der sich für die Phänomene Innovation, Idee, Kreativität etc. interessiert.

… im Detail (und auf deutsch):

Also …

[...] Menschen, die sich an den Spalten in der Sozial-Struktur aufhalten “gehen ein hohes Risiko ein”, gute Ideen zu haben. [...] Ansichten und Verhalten sind immer homogener innerhalb von Gruppen als zwischen Gruppen. Menschen mit Verbindungen über Gruppengrenzen hinweg sind vertrauter mit alternativen Denk- und Handelsweisen [...] Neue Ideen entstehen fast immer aus der Selektion und Synthese [von Denkmustern aus der Gessamtheit der Gruppen und] über die strukturellen Lücken zwischen den Gruppen hinweg. Und einige dieser Ideen sind gut.

Keine ganz neue Erkenntnis übrigens … John Stuart Mills ein früher Wirtschaftstheoretiker hat schon 1848 gesagt:

It is hardly possible to overrate the value [...] of placing human beings in contact with persons dissimilar th themselves, and with modes of thought and action unlike those with which they are familiar. [...] Such communication [...] is peculiarly in the present age, one of the primary sources of progress.

Zunächst einmal zur Erläuterung: Der Begriff “Structural Holes” (strukturelle Lücken/Spalten) kommt von der Visualisierung der Beziehungen zwischen Menschen. In den entsprechenden Diagrammen sind Menschen innerhalb von Gruppen (Professionen, Abteilungen, Standorten etc.) heftig miteinander vernetzt. Zwischen den Gruppen aber klaffen Löcher – Structural Holes. Ideen-Makler sind Menschen mit Verbindungen in mehrere Gruppen hinein. Sie greifen Denk- und Verhaltensmuster (. Meme) im Austausch mit Mitgliedern der einen Gruppe auf, kombinieren sie mit Denkmustern aus der anderen Gruppe und – voila, etwas Neues entsteht.

Interessant ist, dass hier einmal wieder eine evolutionäre Metapher lauert. Was hier beschrieben wird, ist nicht viel Anderes als Inzucht. Gruppen, in denen die Leute vor allem innerhalb der Gruppe kommunizieren, kochen im eigenen Saft. Wirklich neue, gute Ideen sind da so selten wie in einer isolierten Population ein Individuum mit einer wirklich neuen Kombination von Erbanlagen. Inzucht eben! Evolution ist dann möglich – bzw. geht deutlich schneller vonstatten – wenn der Genpool größer ist, die Zahl der möglichen Kombinationen steigt. Genau so geht das auch mit Denk- und Verhaltensmustern (Ideen-Genen, Memen). Und die Rolle des Ideen-Maklers ist es, diesen Austausch von Memen zu fördern/die Entwicklung (Evolution) schneller voran zu treiben.

Solche Ideen-Makler gibt es schon. Sie wissen es oft nur nicht. Es ist keine bewußte Strategie dieser Menschen. Sie sind aber einfach ideenreicher – und erfolgreicher – als Andere! Burt weist das in seinem Papier nach, mit Beispielen, Anekdoten und Zahlen. Sehr überzeugend. Und Unternehmen, die solche Makler – und andere Formen des Mem-Austausches über divisionale Grenzen in ihrer Struktur – fördern, sind erfolgreicher, innovativer und anpassungsfähiger als andere!

Ich denke, in solchen Strategien könnte eine grosse Chance für die entwickelten Gesellschaften der westlichen Welt (wie Deutschland) liegen, den Herausforderungen der Globalisierung zu begegnen. Entscheidend ist die Unternehmenskultur. Mehr Ideen, mehr Innovation statt Wettbewerb um die preisgünstigsten Produktionskapazitäten!

  • http://www.gerald-steffens.com/blogcms/ Gerald

    interessant, bin ein grosser freund von kreativitaet und querdenkertum. waere noch eine andere komponente beachtenswert. was zeichnet die broker und die kreativen aus. und was ist mit den personen die beides vereinigen? mir ist aufgefallen, dass ein gewisser hang zur hyperaktivitaet bei vielen kreativen anzutreffen ist :)
    ciao, gerald

  • http://jimmiz.blogg.de Jim

    CrossCulture. MeltingPot. Vielleicht waren die USA im vergangenen Jahrhundert deshalb so erfolgreich. In Wirtschaft und Wissenschaft.
    Frankreich, England und Deutschland sind zwar auch stark “multikulturell”, aber gerade hierzulande wird “Initiative” nicht belohnt. Vielleicht kommt das im diesem Jahrhundert noch. Es hat ja gerade erst angefangen.
    Momentan kapseln sich aber die unterschiedlichen Gruppen noch stark voneinander ab. Nur wenige Immigranten wagen über die Brücken zu gehen und sind noch viel zu sehr unter ihres Gleichen. Umgekehrt gilt ähnliches. Die “Einheimischen” sichern ihre Vorgärten und Besitzstände in Zeiten der Rezession.
    Manchmal überlege ich auch, ob es nicht besser gewesen wäre, Anarchist zu sein als Unternehmer. Aber ist es nicht dasselbe? ;)

  • http://notizen.typepad.com/aus_der_provinz/ Markus Breuer

    @Gerald: bin mir nicht sicher, ob es hier wirklich um “Kreative” oder “Querdenker” (sicherlich keine selbsternannten der Kategorie “was bin ich doch für ein unkonventionelles Bürschen”) im landläufigen Sinne geht. Ich denke, es sind eher vielseitig interessierte, neugierige Menschen gefragt, die zudem Kontaktfreudigkeit und kommunkative Fähigkeiten mitbringen müssen. Eher im Sinne – vielleicht – von http://notizen.typepad.com/aus_der_provinz/2004/08/fr_und_wider_da_1.html
    @Jim: MeltingPot, ja! Den Aspekt mit den USA habe ich gar nicht berücksichtig, aber tatsächlich denke ich, dass das neben der großen Aufbruchsstimmung in einem relativ unerschlossen Land vielleicht ein wichtiger Faktor für den Erfolg der USA war – und immer noch ist. Interessant finde ich im direkten Vergleich dazu die heutige EU (nicht allein einzelne Länder mit hohen Einwandererquoten), die auch eine gealtige Vielfalt von Menschen und Kulturen bietet. Unternehmen, die diese Vielfalt begeistert, nicht widerwillig, nutzen, werden die Innovationsführer der nächsten Jahre sein.

  • http://www.gerald-steffens.com/blogcms/ Gerald

    @ Markus, ich stimme dir zu, dass es hier urspruenglich nicht um Kreative im landlaeufigen Sinne ging. Zumindest nicht in dem von dir erwaehnten Paper. Da geht es wohl eher um die Struktur/Topologie des kommunikativen/sozialen Netzwerkes.
    Den Beitrag ueber “Für und wider Spezialisten und Generalisten” hatte ich leider auch noch nicht gesehen. Ich habe mich da auch etwas knapp und missverstaendlich ausgedrueckt, wollte eigentlich nur zeigen, dass noch mehr als Knoten und Kanten hinter der Sache stecken.
    Du sprichst selber von vielseitig interessierten, neugierigen Menschen – sind das nicht auch genau die oben angesprochenen Generalisten?
    Muss man nur noch kontaktfreudige Generalisten an die richtigen Stellen setzen und ihre Bruecken aufschlagen lassen und der Erfolg stellt sich von alleine ein?
    Welche Sozio-Strukturen oder Firmen-Kulturen foerdern bzw. schaffen erfolgreiche Strukturen? Der Hinweis von Jim mit dem CrossCulture MeltingPot gefaellt mir in dem Zusammenhang sehr gut. Und erinnert wieder an die Metapher mit dem Gen-Pool.
    Ich hoer mal besser auf bevor ich mich gaenzlich verzettele ;-) Nur noch eine kleine Frage am Rande. Sind jetzt eigentlich die Amerikaner auch aufgrund ihrer Sprache ein wenig im Vorteil? Im Englischen lassen sich Bruecken leichter, schneller und weiter bauen. Und es bildet sich da gerade ein neues Netz heraus – das Internet. Es liefert alles was man so an Knoten, Kanten und Bruecken braucht. Und die Weblogger knuepfen kraeftig mit an diesem neuen Netz. Und wenn jetzt ein Markus Breuer ein Dokument am anderen Ende der Welt entdeckt, hier ablegt und diskutiert, ist er dann nicht genau so ein Information-Broker und Ideen-Makler wie wir ihn gerade besprochen haben. Oder ist er nur ein Weblogger. Oder beides ;-)
    ciao, gerald

  • http://www.kmu-blog.de/archives/2004/09/13/wenn-menschen-ber-den-tellerand-hinausschauen/ KMU-Blog

    Wenn Menschen “über den Tellerand hinausschauen”

    Bei Markus Breuer hab ich den Hinweis gefunden zu diesem Zitat des Titels “wenn Menschen über den Tellerrand schauen”.
    Markus verweist darin auf die wissenschaftliche Untersuchung von XXX zu diesem interessanten Aspekt, der gerade für Unternehmen …

  • kathrin

    Nette Idee – aber es gibt ein Problem dabei.
    Welches deutsche Unternehmen getraut sich, so einen Ideen-Querkopf einzustellen?
    Bisher habe ich da gar keine guten Erfahrungen gemacht … die Ideen werden abgeschmettert oder/und man fliegt raus (man bedroht aktiv das Peter-Prinzip und die Etablierten – ohne es zu wollen). Wen das nicht schreckt, der kann mich gern einladen.
    Für Gerald – was vereinigen Borker und Kreative – Spontanität, Offenheit, Urvertrauen und die Fähigkeit, zu träumen.
    Kathrin

  • Christoph

    Hej
    ihr redet genau ueber die Dinge die mir grad Durch den Kopf schwirren. Einstellen wer soll so jemanden einstellen selbst machen darum gehts. Man koennte einfach interessierte Leute sammeln und ein ersteinmal fuer lau betriebenes Portal im Internet einrichten.
    Bei Interesse schreibt doch einfach mit betreff Ideenpool an mich.
    LG
    Christoph